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Selbstdistanzierung

 
     
   
ein von V. Frankl in die Existenzanalyse und Logotherapie eingeführter anthropologischer Begriff zur Bezeichnung der Fähigkeit der Person, von sich selbst Abstand nehmen und sich selbst gegenübertreten zu können (Fähigkeit zur “inneren Opposition”). Selbstdistanzierung setzt somit die Theorie eines dreidimensionalen Menschenbildes voraus, wonach das Menschsein als Einheit der Dimensionen Soma, Psyche und Nous verstanden wird. Der Nous (das “geistige Ich”) wird darin als wesensverschieden vom Psychischen und Somatischen angesehen. Er ist dem Psychophysikum gegenüber prinzipiell frei. Aus dieser Autonomie seiner “geistigen Potenz” kann der Mensch seinen eigenen Bedürfnissen, Trieben, Stimmungen entgegentreten und bis zu einem gewissen Grad “trotz” seiner Ängste, Depressionen usw. dem nachgehen, was er für sinnvoll und richtig in der Situation hält. In griffiger Weise hat Frankl dieses anthropologische Postulat in den Satz gefaßt: “Der Mensch muß sich nicht alles gefallen lassen – auch nicht von sich selbst!” Die Fähigkeit zur Selbstdistanzierung ist jedem Menschen gegeben und unterschiedlich weit trainiert.

Durch die Selbstdistanzierung eröffnet sich der Mensch einen “inneren Freiraum”. Als Person sich selbst gegeben erfährt er sich dennoch nicht als sich ausgeliefert, sondern als sich selbst gestaltend. Die Selbstdistanzierung ist daher die anthropologische Basis der gelebten Freiheit und Voraussetzung der Selbstwahrnehmung, der Auseinandersetzung mit sich selbst und der Stellungnahme zu sich selbst und zum eigenen Verhalten in der Welt (anthropologischer Aspekt der vier Grundmotivationen). Das von sich selber Frei-Kommen ermöglicht der Person den Vollzug des anderen Konstituens personaler Existenz, der Selbst-Transzendenz.

Bei Frankl hat die Selbstdistanzierung eine Betonung der Distanznahme zum Psychophysikum (als “über sich stehen”). Dagegen ist der Aspekt der Bezugnahme zu sich selbst in der Haltung der Selbstannahme vernachlässigt. Sie setzt eine Zuwendung zu sich voraus (und erlaubt auch Selbsterfahrung). Wird die Selbstdistanzierung nicht getragen von Selbstannahme, besteht die Gefahr der Selbstverleugnung. In der existenzanalytischen Therapie werden zahlreiche Methoden beschrieben, um Selbstdistanzierung in Gang zu setzen und zu fördern: das innere Gespräch, Perspektivenshifting, Humor und Paradoxien.

Literatur

Frankl, V. E. (1996). Der leidende Mensch. Anthropologische Grundlagen der Psychotherapie. München: Piper.


 
     
 
 
 
     
 
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