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Psychotherapie

 
     
   
die Behandlung seelischer und psychosomatischer Krankheiten mit seelischen Mitteln. Die Medizin überhaupt begann als Psychotherapie. Der Priester als Medizinmann, der Wunderheiler und noch der Scharlatan erzielen ihre Erfolge, indem sie bei den Kranken Glauben erwecken, wie ein Wunderort gleich Lourdes Glaubenskräfte hochtreibt. Die mittelalterliche Dreckapotheke hat mit ihren ekelerregenden Mitteln seelische Regungen ausgelöst. Die Beichte, das Opfer und andere Rituale einer Religion sind ebenso wie die Teufelsaustreibung bei Besessenen (Exorzismus) »Behandlungen« eines Leidens, wie es aus Liebesmangel, Schuldgefühl und Strafbedürfnis entsteht. Die Wirkung eines seelischen Einflusses wird ganz deutlich schon, wenn Hautwucherungen durch »Besprechen« tatsächlich verschwinden. Im Grunde geht jede Form von Psychotherapie auf eine Übertragung zurück: der Kranke »wirft« seine Liebe und seinen Glauben auf den Heiler und auf alles, was (etwa als Medikament) von ihm kommt. Am weitesten geht diese vertrauensvolle Auslieferung an den Heiler bei der Hypnose. Beinahe ebenso stark ist die Wirkung der Suggestion im Wachzustand, wie sie etwa Franz Anton Mesmer (t 1815) ausgeübt hat, der sie freilich noch einem »tierischen Magnetismus« zuschrieb. Die Übertragung allein kann jedoch die Krankheit nur überdecken, und dies auch nur solange, wie sie lebendig bleibt. Der Kranke ist entweder dauernd an seinen Arzt gebunden, kann sein Leben nicht mehr ohne ihn meistern, oder aber er verfällt nach einer ungewollten Ablösung wieder in die ursprüngliche bzw. eine stellvertretende Krankheit. In der psychoanalytischen Kur wird die Übertragung nur als Mittel eingesetzt, um den Kranken unter Führung des Arztes zur bewußten Erkenntnis der zunächst unbewußten Konflikte zu motivieren. Auf diese Weise kann erreicht werden, daß die Entscheidung, der der Patient in die Krankheit ausgewichen ist, bewußt und realitätsgerecht nachgeholt wird. In der letzten Phase der Behandlung muß die Übertragung abgebaut werden, sodaß sich der Patient am Ende völlig vom Arzt lösen und ein selbständiges Leben führen kann. Einen anderen Weg geht die Therapie des Behaviorismus. Hier wird nur das abwegige Verhalten gesehen, und es werden Methoden benutzt, um es zu ändern. Der Patient wird durch Lernen und Üben dazu gebracht, sich so zu verhalten, wie es seine Umwelt von ihm erwartet. Dazu tragen Rollenspiele mit Partnern oder in einer Gruppe bei. Anders ausgedrückt: der Patient wird an die Normen der Gemeinschaft gebunden und dafür durch deren Anerkennung belohnt. Sehr viele Psychotherapeuten benutzen eine »aufdeckende« Methode wie die Tiefenpsychologie und eine »zudeckende« Methode wie Hypnose und Verhaltenstherapie nebeneinander oder setzen auch Psychophar maka ein. Je tiefer eine Therapie bei den Ursachen der Krankheit einsetzt, desto gründlicher kann sie wirken, aber desto schwieriger und langwieriger ist sie auch. Angesichts der steigenden Verbreitung seelischer Leiden und des Mangels an ausgebildeten Psychotherapeuten gewinnen die Methoden, die einen schnellen Erfolg versprechen, immer größere Bedeutung, selbst wenn sie meist nur die Symptome beseitigen können und an deren Ursachen nichts ändern. Die Popularität der Verhaltens und Gruppentherapie hängt vielleicht auch damit zusammen, daß sich diese Methoden zum Beispiel im Fernsehen sehr viel besser zeigen lassen als die der Psychoanalyse. Zudem ist die Tiefenpsychologie am Einzelnen orientiert, und Methoden, die auf die Gemeinschaft zielen, mögen unserer Zeit und ihrem Geist eher entsprechen. Immerhin wird auf diese Weise dazu beigetragen, daß immer mehr Menschen die Bedeutung seelischer Krankheiten verstehen. Sie sind nicht weniger ernst zu nehmen und bedürfen nicht weniger der Behandlung als andere Krankheiten auch. Seelische Krankheiten sind sowenig ein Makel wie eine Grippe oder eine Arthritis. Besonders schwer wiegen sie oft bei Kindern und Jugendlichen. Die Störungen während der Entwicklung sind leichter zu beheben als die Folgen, die sie im späteren Leben haben, wenn ein schwerer seelischer Konflikt unbeachtet geblieben ist. In jedem Fall eines ernsten seelischen Leidens sollten sich die Betroffenen oder ihre Angehörigen fachkundig beraten lassen, ob und welche Psychotherapie angemessen ist. Auch die Krankenkassen wissen heute, daß sie seelisch Leidenden geradeso beistehen müssen wie allen anderen Kranken.Behandlung der Seele»; Sammelbegriff für eine Vielzahl psychologischer Methoden, die dazu dienen, Störungen des Erlebens und Verhaltens zu beheben. Eine psychotherapeutische Behandlung befaßt sich ausschließlich mit psychischen Symptomen, kann aber durchaus auch auf körperliche Leiden (Psychosomatik) angewendet werden, wobei man davon ausgeht, daß diese seelisch bedingt sind. Sie muß von der körperlichen Behandlung psychischer Störungen unterschieden werden, wie der Behandlung mit Psychopharmaka oder mit elektrisch erzeugten Krämpfen (Elektroschock). Die Psychotherapie hat eine lange Vergangenheit und eine kurze Geschichte als umgrenzte, durchdachte Wissenschaft. Sie gehörte zu den wichtigsten Mitteln der urtümlichen Medizinmänner oder Schamanen, die als Priesterärzte der schriftlosen Gesellschaften eine wichtige Rolle in den frühen Kulturen spielten. Damals wurde die Suggestion angewandt, aber nicht wissenschaftlich untersucht. Das geschah erst im vergangenen Jahrhundert. Doch konnten Suggestion und Hypnose, die frühesten Mittel der wissenschaftlichen Psychotherapie, nicht den Anspruch erfüllen, den man an eine umfassende Erklärung seelischer Erkrankungen stellen muß. Man verbot den scheinbar sinnlosen Symptomen einfach ihr Fortbestehen, ohne ihre Ursachen aufzuklären. Der Erfolg war dementsprechend auch oft unbefriedigend. Eine erste umfassende Theorie seelischer Erkrankung und Heilung bot erst die Psychoanalyse; sie und ihre verschiedenen Abänderungen (Individualpsychologie, Gruppentherapie, kollektives Unbewußtes, Libido, Neurose) ist bis heute die einflußreichste Erklärung der Vorgänge bei der Entstehung und Heilung seelischer Störungen geblieben. Es gibt viele verschiedene Formen der Psychotherapie. Wir schildern ganz kurz einige der wichtigsten:

1. Psychoanalyse (Standardmethode). Der Patient liegt auf einer Couch, der Therapeut sitzt hinter ihm. Es sollen mindestens drei Stunden pro Woche gearbeitet werden. Der Patient soll «frei assoziieren» (Assoziation), das heißt ohne Kontrolle alles sagen, was ihm einfällt. Der Therapeut beschränkt seine Aktivität auf Deutungen und ihre Vorbereitung (meistens durch klärende Fragen). Dieses Vorgehen erlaubt eine weitgehend vorurteilsfreie seelische «Grundlagenforschung» und ist für Neurosen mit noch guter Wirklichkeitsanpassung der gesunden Persönlichkeitsanteile geeignet.

2. Analytische Psychotherapie. Der Patient liegt oder sitzt; die Häufigkeit der Stunden ist geringer, der Therapeut ist etwas aktiver, er versucht, den Patienten möglichst gezielt an wichtige h Einsichten heranzuführen, wartet also nicht ab, welche Themen spontan auftreten. Es gibt auch Kurzverfahren in dieser Technik. Sie werden «Fokaltherapie» genannt, weil sich der Therapeut auf einen einzigen grundlegenden -+ Konflikt (Fokus = Herd) bechränkt. Gesprächspsychotherapie, klienten-entrierte Therapie. Hier verzichtet er Therapeut auf Deutungen und verebt nur, den Gefühlszustand des ienten in einer von Gefühlswärme nd Echtheit bestimmten Atmosphäre widerzuspiegeln (Nicht-di-rektive Psychotherapie). Weitere Formen der Psychotherapie sind Gruppentherapie, Gestalttherapie, Transaktionsanalyse, Primärtherapie, Verhaltenstherapie, autogenes Training, Hypnose. Zwischen den verschiedenen Verfahren und ihren Vertretern besteht hinsichtlich wichtiger Punkte (Ursachen der Neurosen und Psychosen, Erfolgsaussichten der Behandlung, Ziele, die angestrebt werden sollen) keine Übereinkunft. In den von der Psychoanalyse herkommenden Methoden wird eher eine Änderung der gesamten Persönlichkeit angestrebt, während in der Verhaltenstherapie die Veränderung einzelner Symptome als Ziel gilt. Die Diskussionen gehen nicht selten von unterschiedlichen Werten und Normen aus. Auch die Erwartungen der Patienten an die Psychotherapie sind sehr unterschiedlich und oft an dem Modell einer Arzt-Patient-Beziehung ausgerichtet, in der ein passiv bleibender Kranker von einem aktiven Arzt behandelt wird. Doch setzt eine erfolgreiche Psychotherapie immer die Bereitschaft des Patienten voraus, an sich zu arbeiten. Therapeut und Patient müssen die Gefahr erkennen, daß sich in ihrer Beziehung die Situation eines manipulierten Kindes und eines mächtigen Elternteils wiederholt (wobei der Patient seinerseits auch den Therapeuten manipulieren kann, sobald sich dieser auf eine solche Beziehungsform einläßt).
 
     
 
 
 
     
 
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