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Hypnose

 
     
   
eine Art künstlicher Schlaf, in dem nur noch eine Beziehung (Rapport) zum Hypnotiseur besteht. In diesem Zustand (Trance) führt der Hypnotisierte Befehle aus, die ihm der Hypnotiseur erteilt, allerdings nur insoweit, als sie nicht seinem innersten Wesen widersprechen. Es werden auch Befehle aufgenommen, die erst nach dem Erwachen aus der Hypnose (posthypnotisch) befolgt werden sollen, und zwar ohne eine Erinnerung daran, daß es überhaupt einen Befehl gab. Wenn etwa der Befehl erteilt worden ist, nach der Hypnose einen Regenschirm ins Zimmer zu holen und ihn aufzuspan nen, würde der Gehorsam auf erstaunte Fragen hin irgendwie scheinvernünftig erklärt werden, vielleicht mit der Auskunft, der Schirm hätte angesichts des unsicheren Wetters auf seine Unversehrtheit hin überprüft werden müssen. Das wäre eine Ausrede, die den sogenannten Rationalisierungen verwandt ist. In diesen Vorgängen lag der früheste Beweis dafür, daß der Mensch Antrieben folgt, die ihm selbst unbewußt sind. Zugleich zeigte sich in der frühen Hypnoseforschung, daß hartnäckige Fragen nach den Erlebnissen in der Hypnose doch eine Erinnerung an das zeitweise Unbewußte wecken konnten. Das ermutigte Freud, von der Hypnose als Mittel der Psychotherapie zur gezielten Befragung (Konzentrationstechnik) und dann zur freien Assoziation überzugehen. Ihn hatte der große französische Neurologe Jean-Martin Charcot tief beeindruckt, dessen Vorlesungen in der »Salptriere« Freud 1885 während eines Aufenthaltes in Paris hörte. Charcot hatte sich als erster ernsthaft mit der Hysterie beschäftigt und durch hypnotische Experimente bewiesen, daß man hysterische Lähmungen auch künstlich erzeugen kann. Zu jener Zeit wußte man hysterischen und neurotischen Krankheiten nicht anders zu begegnen als mit einer recht zweifelhaften Elektrotherapie und eben durch Hypnose. Die hypnotische Behandlung konnte aber nur die Symptome der Krankheit unterdrücken, »zudecken«, und ihre Ursachen weder ermitteln noch beseitigen. Auf einen anderen Weg war Freuds Lehrer, der Wiener Arzt Josef Breuer, durch seine Patientin »Anna 0« (Berta Pappenheim) geführt worden. In der Behandlung dieser hochgebildeten Hysterikerin erwies sich die Hypnose als Mittel der Bewußtseinserweiterung. Sie beseitigte die Hemmungen, die die Patientin daran gehindert hatten, sich an die Ereignisse zu erinnern, die ihre Krankheit verursacht hatten. In der Hypnose erlebte sie nacheinander gleichsam noch einmal jedes Trauma, das zu dem Leiden beigetragen hatte. So reagierte sie nachträglich die Gefühle ab, die im Augenblick des Erlebens nicht hatten ausgedrückt werden können. Wegen dieser »Reinigung« durch Nacherleben nannte Breuer die Methode »karthartisch«. Freud, der seine ersten Patienten noch mit »zudeckender« Hypnose behandelt hatte, wandte dann in einer Reihe von Fällen die kathartische Methode mit Hilfe einer bewußtseinserweiternden Hypnose an. Da aber nicht alle Menschen der Hypnose zugänglich sind, und da die Wirkung unzuverlässig ist, suchte er nach einer anderen Methode, bis er die Psychoanalyse entwickelte. Sie unterscheidet sich von den früheren Therapien vor allem dadurch, daß sich in ihr ein starker Widerstand gegen die Aufdeckung des Unbewußten (Verdrängten) geltend macht, der durch die Hypnose vollkommen zugedeckt worden war. Die Beobachtung des Widerstandes erlaubt dem Psychoanalytiker die Erkenntnis, wo die Konflikte wurzeln, von denen die psychische Krankheit vor allem ausgeht. Eine physiologische Erklärung der Hypnose ist bis heute nicht gefunden worden. Man weiß nicht, was im Gehirn des Hypnotisierten vorgeht. Deshalb wird die Hypnose teils als magischer Vorgang verstanden, teils als Scharlatanerie und Schwindel abgetan. Als psychische Fernwirkung erinnert sie an Erscheinungen wie die Telepathie (vgl. Parapsychologie). Als sehr real und ungeheuer wirkungsvoll erweist sie sich bei gewissen chirurgischen Operationen, wenn der Patient wegen seiner Gesamtverfassung keine Narkose erhalten darf und man ihn deshalb hypnotisch einschläfert. Freud hat die Hypnose einerseits mit der Verliebtheit, andererseits mit der Massenbildung verglichen. Der Verliebte ist dem Objekt seiner Abhängigkeit ebenso kritiklos ergeben wie der Hypnotisierte dem Hypnotiseur. In der Masse ordnet sich der Einzelne, mit allen anderen, ebenso dem Willen des Führers unter, wie sich der Hypnotisierte dem Willen des Hypnotiseurs fügt. Wie in der Massenbildung fallen auch in der Hypnose viele Hemmungen fort. Die Einschränkung der Individualität ist mit einer teilweisen Steigerung des Gefühls der Stärke verbunden. Man wagt mehr und schätzt die Gefahren geringer. Noch in hypnotischen Schaudarstellungen, in denen die Fügsamkeit der Versuchspersonen zur mit leichtem Schauder gemischten Schadenfreude der Zuschauer vorgeführt wird, erlebt man mit, wie die Menschen Gefühle ausdrücken, die sie im vollen Bewußtsein nicht einmal sich selbst zugeben würden, und wie sie plötzlich bereit sind, sich sogar mit einem kindlich-kindischen Spiel lächerlich zu machen. Wie die Gefolgschaft eines Führers ihn zu ihrem Gewissen macht, so überträgt der Hypnotisierte sein Über-Ich auf den Hypnotiseur. Durch seinen unbewußten Gehorsam befreit er sich von eigenen Skrupeln. Hierin liegt die Enthemmung durch Hypnose begründet, aber auch die Möglichkeit der Bewußtseinserweiterung gegen alle im Normalzustand wirksamen Verdrängungen. Die Ähnlichkeit der Hypnose mit dem Schlaf weist auf das Bedürfnis hin, sich zeitweise von aller Tätigkeit und jedem Zwang zu verantwortlicher Entscheidung zu befreien. Ohne diesen Hang gebe es wohl keine Hypnose. Da dieses Bedürfnis nicht bei allen Menschen gleich entwickelt (oder erhalten geblieben) ist, lassen sich manche leicht, manche nur oberflächlich, andere überhaupt nicht hypnotisieren.Zustand geänderter Aufmerksamkeit bei einem Menschen, der entweder selbständig (Autohypnose) oder in der Mehrzahl der Fälle durch die Einwirkung einer anderen Person herbeigeführt wird. Um eine Hypnose einzuleiten, werden meist fortlaufend wiederholte Suggestionen verwendet, die darauf abzielen, Entspannung, Aufmerksamkeit auf die Stimme des Hypnotiseurs («Sie hören nur noch meine Stimme»), Müdigkeit, Schließen der Augen zu bewirken. Diesen Vorgang nennt man Induktion (= Herbeiführen) der Hypnose. Er gelingt bei etwa 10 Prozent der europäischen Erwachsenen überhaupt nicht, während die «tiefen» Stadien der Hypnose bei 20 bis 30 Prozent erreicht werden. Patienten, bei denen diese Hypnose gelingt, sind besonders empfänglich für Suggestionen. Ist eine Hypnose einmal eingeleitet, kann man für spätere Induktionen der Hypnose ein Zeichen vereinbaren, das den Prozeß der Einleitung verkürzt. Im Gegensatz zu manchen Filmszenen und Romanberichten ist es fast nie möglich, einen Menschen gegen seinen Willen zu hypnotisieren. Andererseits ist leichte Hypnotisierbarkeit nicht das Zeichen von Willensschwäche, sondern hängt mit lebhafter Phantasie, Art der Intelligenz und einer positiven Einstellung zu dem Gedanken, hypnotisiert zu werden, zusammen. Die Zeitspanne der Einleitung einer Hypnose ist abgeschlossen, wenn die Versuchsperson bereitwillig alle Aufforderungen des Leiters zu verwirklichen sucht. Die menschlichen Fähigkeiten übersteigen dann häufig das, was bei wachbewußtem Zustand möglich ist. Die Körperkraft ist gesteigert; Muskeln können länger gespannt gehalten werden, so daß sich Lähmungen darstellen lassen. Die Reaktionen auf Suggestionen greifen tief in körperliche Vorgänge ein. Sagt man einem Hypnotisierten, er würde essen, dann deuten nicht nur die persönlichen Aussagen auf Sättigung, sondern auch die Hungerkontraktionen des Magens hören auf, Magensäure wird vermehrt abgesondert. Nach der suggerierten Zufuhr von bestimmten Speisen verändert sich die Produktion von Verdauungsstoffen (Enzymen wie Pepsin, Trypsin, Lipase und Maltose) entsprechend. Suggeriert man Schmerz-losigkeit, dann empfindet der Proband nicht nur keinen Schmerz, wenn man ihn mit einer Nadel sticht oder eine chirurgische Operation durchführt, sondern auch die körperlichen Schmerzreaktionen werden aufgehoben (zum Beispiel verringerter Hautwiderstand gegen elektrischen Strom). In Hypnose können verschiedene Persönlichkeitsänderungen erzeugt werden; Regressionen zu früheren Altersstufen, wobei manchmal Reflexe auftreten, die für Neugeborene typisch sind, oder die Versuchspersonen wie als Babies wieder einkoten. Manchmal gelingt es auf diese Weise, verschüttete Kindheitserinnerungen ans Licht zu bringen. Stimmungsänderungen lassen sich ebenfalls relativ leicht erzeugen, doch halten sie - ebenso wie Verhaltensänderungen (Aufgeben des Rauchens) - nicht lange an; man muß dann unter Umständen die Hypnose täglich wiederholen. Eine Verbindung von Hypnose und Psychoanalyse, wobei die Hypnose den Zugang zum Unbewußten erleichtern soll, nennt man Hypnoanalyse. In der Zahnmedizin und der Chirurgie bedient man sich vielfach der Hypnose, um Schmerzfreiheit bei Eingriffen und Operationen in Fällen zu erreichen, wo eine Betäubung mit chemischen Mitteln gefährlich wäre. Die Entstehung der Hypnose ist noch nicht geklärt. Sie ist kein Schlafzustand (griechisch Hypnos = Schlaf), wie frühere Untersuchcr annahmen, sondern eher ein Zustand ausschnitthafter Wachheit, gesteigerter Empfänglichkeit für Suggestionen, den man auch mit anderen Formen der Hingabe, zum Beispiel in der Verliebtheit, vergleichen kann.
 
     
 
 
 
     
 
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