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Spiel

 
     
   
eine Betätigung ohne äußeren Nutzen, die die Umwelt nicht nachhaltig verändert, aber einem inneren Bedürfnis entspricht. Junge Tiere spielen in einem Drang nach Bewegung, um ihre Kräfte zu üben oder um Aufgaben zu erproben, die sie später haben werden, etwa in der Jagd nach Beute. Ähnlich nimmt das menschliche Kind im Spiel Verhaltensweisen vorweg, die es bei Erwachsenen als typisch für deren Leben beobachtet hat. Diese Nachahmung wird zum Teil durch die Erziehung in bestimmte Bahnen geleitet, etwa indem man das Mädchen mit Puppen beschenkt, den Knaben aber mit Zinnsoldaten oder technischem Spielzeug, um beide auf ihre Geschlechtsrolle vorzubereiten. Aber das Spiel macht nur Freude, solange es Freiheiten einschließt und einen Spielraum schafft. Zu ihm gehört wesentlich die vorsichtige An näherung an neue Erfahrungen. Gewisse Kinderspiele, zum Beispiel »Vater und Mutter« oder »Onkel Doktor«, dienen geradezu der Erforschung der Sexualität und der Geschlechter-Beziehung. In ihnen werden zugleich reale Erfahrungen nachvollzogen. Das schließt selbst Unlust-Erlebnisse ein, wie man etwa im »Schule«-Spiel die Ruten-Strafe durch den Lehrer nachahmen mag. In einer Art Wiederholungszwang werden die Gefühle aus dem realen Erlebnis abreagiert in einem Rahmen, der schlimme Folgen ausschließt. Im Spiel geschieht freiwillig und gewollt, was man sonst als Schicksal hinnehmen muß. Das Schicksal selbst scheint beherrschbar geworden zu sein. Oft werden Spielregeln festgesetzt, um diesen Schutz zu sichern. Anders als die Gesetze der Realität sind sie freiwillig, und sie sind überschaubar. Obwohl sie beinahe beliebig veränderbar wären, werden sie oft sehr ernst genommen, solange sie gelten. So stellte Freud fest: »Der Gegensatz zu Spiel ist nicht Ernst, sondern Wirklichkeit.« Tatsächlich gibt es Spiele, bei denen das Leben selbst »aufs Spiel gesetzt wird«, so die Kampfspiele der Gladiatoren. Das Spiel um materielles Glück kann zu einer Sucht werden, die mit Armut und Verzweiflung endet. Als Spieler will der Mensch ohne »Leistung« eine andere Wirklichkeit erzwingen als die, in die er gestellt ist. Dennoch steht das Spiel der Realität näher als die bloße Phantasie. In ihm wird wirklich gehandelt. Zu ihm gehören reale Dinge, als Spielzeug, als Kostüme, Kulissen und Requisiten wie auf dem Theater. Es stellt meist ein Handeln zwischen mehreren Menschen dar, eine »Interaktion«, die Beziehungen schafft und alle Mitspieler in eine Gemeinsamkeit spannt. Im Spiel drücken die Teilnehmer sich selbst und ihr Verhältnis zueinander aus. Das geschieht in einer sozusagen unverbindlichen Weise und darum oft auch unbefangener als unter dem Druck der Zwecke. Diese Verschiebung wird in gewissen Formen der Psychotherapie ausgenutzt: man läßt die Patienten in Rollen-Spielen ihre sozialen Konflikte ausdrücken und so ein besser angepaßtes Verhalten einüben (vgl. Behaviorismus, Gruppen-Therapie). In der psychoanalytischen Behandlung seelisch gestörter Kinder wird die freie Assoziation weitgehend durch die Bereitstellung von Spielmöglichkeiten ersetzt: wie das Kind sie ausnutzt, verrät etwas über seine krankmachenden Konflikte. Persönliche Probleme werden aber auch in Verhaltensweisen ausgedrückt, die nicht ohne weiteres als Spiele erkennbar sind: etwa wenn sich ein Mann seinem Vorgesetzten gegenüber benimmt, »als ob« der sein Vater wäre, oder der Ehefrau gegenüber, als sei er ihr Kind (vgl. Übertragung). Das »als ob«-Prinzip des Spiels beherrscht viele Fiktionen, die Formen der Höflichkeit so gut wie die des Rituals, und am Ende sogar jede Kunst.
 
     
 
 
 
     
 
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