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Erziehung

 
     
   
die nachhaltige Beeinflußung eines Menschen durch Personen, die ihm nahestehen. Entscheidend ist die Erziehung während der Kindheit. Nur sie kann tiefgreifend prägen. Der Anteil der Lehren, der Gebote und Verbote am Erfolg der Erziehung ist geringer als die Wirkung von Lohn und Strafe, von Liebeserweisen und Liebesentzug. Auch diese Mittel können noch bewußt und gezielt eingesetzt werden. Über der Erziehungsabsicht wird oft der Einfluß des Vorbildes vergessen, daß die Erzieher durch ihr Verhalten geben. Wenn man ein Kind lehrt, daß es nicht lügen darf, sich aber immer wieder bei eigenen Lügen ertappen läßt, wird man eher zur Heuchelei als zur Wahrhaftigkeit erziehen. Eine sehr große Rolle spielen die Wertmaßstäbe, die als unbemerkter Hintergrund des täglichen Lebens vermittelt werden. Mit ihnen drücken die Erzieher die Traditionen ihres Volkes, ihrer Kultur, ihrer Religion und ihrer Schicht aus. In der elterlichen Erziehung, die gewöhnlich die eindrücklichste ist, vertritt der Vater meist die äußere Autorität (vor allem den Söhnen gegenüber), während die Gefühlsentwicklung stärker von der Mutter beeinflußt wird. Das Verhältnis zu Schullehrern und Berufsausbildern ist eine Art Nachbild des Ver hältnisses zum Vater. Die gegenseitige Erziehung unter Geschwistern, Spiel und Schulkameraden bereitet die Anpassung an Gemeinschaften von etwa Gleichberechtigten vor. Den nachhaltigsten Erfolg erreicht die Erziehung, wenn die elterlichen Lehren und Vorbilder verinnerlicht werden. Dann bildet sich das Gewissen oder Über-Ich als besondere Seeleninstanz heraus, die das Verhalten und Empfinden genauer überwachen kann als irgendeine fremde Autorität. Jede Erziehung steht in der Gefahr, zu streng oder zu lasch zu sein. Eine Unterdrückung ist eher das Gegenteil einer Erziehung; sie müßte einen Menschen heranbilden, der ängstlich, scheu, gefühlsgehemmt und unselbständig ist. Ohne Erziehung müßte der Mensch ungeprägt bleiben, jedem neuen Einfluß ausgesetzt, der später auf ihn einwirken mag. Die Verwöhnung schafft einen Schonraum, in dem sich die Abwehrkräfte nicht genügend ausbilden können, sodaß die späteren Erfahrungen eine Kette von Frustrationen werden. Vielfach geht die Erziehung von Idealvorstellungen aus, bereitet nicht genügend auf die Wirklichkeit der eigenen Kräfte und der äußeren Anforderungen vor. »Daß sie dem jugendlichen Menschen verheimlicht, welche Rolle die Sexualität in seinem Leben spielen wird, ist nicht der einzige Vorwurf, den man gegen die heutige Erziehung erheben muß. Sie sündigt außerdem darin, daß sie ihn nicht auf die Aggression vorbereitet, deren Objekt er zu werden bestimmt ist«, schrieb Freud 1930, und schloß mit einem prägnanten Vergleich: »Indem sie die Jugend mit so unrichtiger psychologischer Orientierung ins Leben entläßt, benimmt sich die Erziehung nicht anders, als wenn man Leute, die auf eine Polarexpedition gehen, mit Sommerkleidern und Karten der oberitalienischen Seen ausrüsten würde.«Vorgang, durch den eine Person (meist ein Kind; doch lassen sich ~> Psychotherapie oder Sensitivitäts-training auch als Erziehung Erwachsener beschreiben) so verändert werden soll, daß sie einer kulturell oder persönlich bestimmten Zielvorstellung näherkommt. Während sich die Frage nach der Art dieser Zielvorstellungen den Möglichkeiten einer wissenschaftlichen Untersuchung weitgehend entzieht (es geht hier um Wertvorstellungen, die kulturell vorgegeben sind), beschäftigt sich die Erziehungspsychologie (pädagogische Psychologie) vor allem mit den verschiedenen Möglichkeiten, menschliches Verhalten zu verändern. Sie ist also letzten Endes Lernpsychologie. Eine andere, eher der Sozialpsychologie zuzurechnende Forschungsrichtung sucht das tatsächliche Erziehungsverhalten einzelner Kulturen herauszuarbeiten und seine Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung (Entwicklung, Persönlichkeit) zu ermitteln. Einige grundlegende Ergebnisse der Erziehungspsychologie:

1. Das vielfach angewandte Erziehungsmittel der Strafe ist in den meisten Fällen nicht geeignet, dauerhafte Verhaltensänderungen zu bewirken. Strafe wirkt nur kurzfristig, führt zu unerwünschten Folgen (Haß gegen den Strafenden, autoritäre Persönlichkeit) und veranlaßt dazu, einsichtig begründetes Befolgen sozialer Verhaltensregeln durch das «elfte» Gebot zu ersetzen: Du sollst dich nicht erwischenlassen.

2. Wirksamer sind in Situationen, wo Dressur angewendet werden soll (bei Sauberkeitserziehung oder Eßgcwohn-heiten), Verstärkung (positive Bekräftigung) des erwünschten Verhaltens (durch Lob, Aufmerksamkeit, Belohnungen) und Nichtbeachtcn des unerwünschten Verhaltens (negative Bekräftigung). Wichtig ist ferner, das Kind nie zu überfordern und sich zu vergewissern, daß die für eine Veränderung ausgewählten Verhaltensschritte ihm aufgrund seines körperlichen und seelischen Entwicklungszustandes auch möglich sind (ein Kleinkind hat beispielsweise keine genügend lange Aufmerksamkeitsspanne, um ein allgemeines Gebot wie «Lege deine Kleider immer über den Stuhl» in jeder Situation richtig anzuwenden).

3. Forderungen, die sich auf die Einsicht des Kindes beziehen, setzen eine freie Kommunikation voraus. Wo Einsicht erarbeitet werden soll, muß der Erzieher fähig sein, die Anwendung dieser Einsicht auf das eigene Verhalten zu ertragen. Sicher ist Erziehung durch und zur Einsicht das wichtigste Mittel (und Ziel) der menschlichen Erziehung überhaupt, aber sie kann sich nur dann entwickeln, wenn mit dem Kind auf der gleichen Ebene kommuniziert wird. Formeln wie «Du mußt das einsehen» oder «Sieh das doch endlich ein» zeigen, daß hier letztlich der Einsicht feindlicher Erziehungsstil mit dem Wortschatz der Einsicht arbeitet.

4. Die Forschungen über verschiedene Erziehungsstile haben gezeigt, daß ein «sozial-integratives» Verhalten des Erziehers die günstigsten Folgen hat, während ein autoritäres Verhalten (Autorität) zu deutlichen Spannungs-mcrkmalen bei den Kindern führt (in Schulklassen gehäuftes Nägelkauen, Herumrutschen und ähnliche Verhaltensauffälligkeiten) . Sozial-integratives Erziehungsverhalten versucht, das Kind als Menschen anzunehmen, seine jeweilige Gefühlssituation zu erkennen, sie zu bestätigen und von dieser Bestätigung aus andere Verhaltensweisen zu erarbeiten. In einer solchen Situation kann Einsicht gedeihen; das Kind wird auf diese Weise sozial-integratives Verhalten zunehmend unabhängig von der Anwesenheit des Erziehers zeigen, was sich beim autoritären Erziehungsstil nicht erreichen läßt.
 
     
 
 
 
     
 
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