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Sexualität

 
     
 
bedeutet zunächst den natürlichen Unterschied der Geschlechter und bestimmt entscheidend jede Geschlechter-Beziehung. Die Geschlechtszugehörigkeit ist zwar bereits im Augenblick der Zeugung festgelegt, aber der Geschlechtscharakter bildet sich erst im Laufe des Lebens aus, am deutlichsten während der Pubertät. Erst nach der Geschlechtsreife kann sich die Sexualität in den Dienst der Fortpflanzung stellen, die dann etwa von den Wechseljahren ab wieder an Bedeutung verliert und bei der Frau sogar unmöglich wird. Erst in der Pubertät zeichnen sich die sekundären Geschlechtsmerkmale ab, von denen nur die Brüste der Frau einen direkten Bezug zur Fortpflanzung haben, die aber alle für die gegenseitige Anziehung der Geschlechter bedeutsam sind. Hinter allen Unterschieden zwischen Mann und Frau liegt eine Gemeinsamkeit. Jeder Mann hat in sich einen Anteil an Weiblichkeit, jede Frau einen an Männlichkeit (Bisexualität). Andererseits wird der Geschlechtsunterschied betont und vergrößert durch die Vorstellungen, die in der jeweiligen Gesellschaft von der Männlichkeit oder der Weiblichkeit vorherrschen. Diese Geschlechtsrollen werden schon durch die Erziehung in früher Kindheit eingeübt. Die Sexualität ist zwar mit der Fortpflanzung verzahnt, und erst in jüngster Zeit kann man sie davon sicher trennen, aber sie deckt sich nicht mit der Arterhaltung. Sie wird von einem Verlangen nach Lust gesteuert, die sich auch anders als in der Geschlechtsvereinigung und sogar ohne jeden Bezug zu den Geschlechtsorganen erfahren läßt. Dieser Trieb wird mit dem Menschen geboren. Von Anfang an heftet er sich an andere Funktionen. So ist die erste Lusterfahrung oral, verbindet sich also mit der Nahrungsaufnahme. Die zweite Phase der frühkindlichen Sexualentwicklung ist anal; die Lust ist an die Ausscheidung gekoppelt und wird zugleich mit Tendenzen der Aggression verschwistert (Sadismus). Die Neugier und der Forschungsdrang des Kindes werden von den sexuellen Partialtrieben des Voyeurismusund Exhibitionismus beherrscht. Es bedarf der Nachhilfe der Erziehung mit ihren Einschränkungen, damit sich die Partialtriebe endlich dem Genital-Primat unterordnen, d. h. in den Dienst der Geschlechtsvereinigung treten. Das Verlangen nach Lust ist von vornherein von dem Bedürfnis nach Liebe begleitet. Der Sexualtrieb ist auch ein Trieb nach Schutz, Fürsorge, Geborgenheit, Anerkennung durch andere und Selbstbestätigung. Er ist sogar ein Verlangen, andere und anderes lieben zu können. Die Libido strebt ebenso nach Lust wie nach Bindung. Sie sucht Objekte, an die sie sich heften kann. Ihr Bezugspunkt kann ebenso eine Person des entgegengesetzten oder eigenen Geschlechts, wie eine Gruppe, ein Tier, ein Gegenstand, eine Idee oder das eigene Ich sein. Doch Lust und Liebe streiten sich. Jede Bindung bedeutet Verzichte, und die bindungslose, egoistische Lust bleibt ohne Geborgenheit. Die Sexualität des Menschen unterscheidet sich von der des Tieres schon durch die Bedingungen des Körperbaus im Zusammenhang mit dem ständigen Aufrechtgang. Anders als die weitaus meisten Tiere ist er nicht durch eine Brunstzeit beschränkt, sondern sexuell ständig erregbar. Entscheidend ist wohl seine Fähigkeit zum Bewußtsein und entsprechend dazu der Bedeutungsschwund der Instinkte. Er hat Entscheidungen zu treffen, für die er sich verantwortlich weiß, und die ein Gefühl der Schuld mit sich bringen. Dazu kommt seine Abhängigkeit von der Gemeinschaft, aus der sich so viele Triebverzichte ergeben. Mit der Notwendigkeit, das Kind, das als Triebwesen auf die Welt kommt, zur Einordnung in die Gemeinschaft zu erziehen (Sozialisation), hängt es wohl zusammen, daß die menschlichen Kinder solange auf den Schutz der Eltern angewiesen sind. Vielleicht erklärt sich daraus auch, daß die sexuelle Entwicklung auf ihrem ersten Höhepunkt abgebrochen wird und eine Latenz-Zeit folgt, in der die Sexualität bis zur Unkenntlichkeit zurückgedrängt sein kann, ehe sie mit der Pubertät in einem »zweiten Ansatz« endgültig bestimmend wird. Bis dahin ist sie aber einer kulturbedingten Formung unterworfen worden. Bestimmte Äußerungen gelten fortan als verboten, andere als er wünscht. Die Regeln, die die Erzieher auferlegt haben, sind zum Teil verinnerlicht worden, sodaß sie späterhin auch dann befolgt werden, wenn niemand sonst ihre Einhaltung prüfen kann. Die wichtigste Einschränkung ist das Verbot (Tabu) der sinnlichen Liebe des Knaben zur Mutter, des Mädchens zum Vater, des Bruders zur Schwester (Inzest). Gerade nach den ersten Erfahrungen der Lust und der Liebe folgt in der Oedipus-Situation die Trennung der sinnlichen von den zärtlichen Strebungen. Diese Erziehung ist nur möglich wegen der Formbarkeit (Plastizität) der menschlichen Sexualität. Einige Strebungen werden unterdrückt, aber in der Verdrängung wirken sie unbewußt weiter und können zur Ursache seelischer Krankheiten werden. Hemmungen in einem Bereich können andere Tendenzen so wuchern lassen, daß sie sich einseitig als Perversion äußern. Das Lustverlangen kann sich an Befriedigungen knüpfen, die von der ursprünglichen Sexualität weit ab zu liegen scheinen, und die doch einen Ersatz für die sexuelle Lust darstellen. Die Libido, als Trieb nach Lust wie nach Liebe, kann sich Zwecken unterordnen, die sozial anerkannt werden, weil sie über die persönliche Befriedigung und den privaten Bereich hinausgehen (Sublimierung). Auch die Liebe zur Menschheit, zu Tieren, zur Kunst, zu Gott oder zu irgendeinem Steckenpferd wird noch von denselben Kräften gespeist, die die Sexualität im engeren Sinne bestimmen. In der Sprache der Psychoanalyse schließt der Begriff »Sexualität« alle diese Ableitungen ein. Hier wird sie auch als unmittelbar verbunden mit der Selbsterhaltung verstanden, die einer Selbstliebe (Narzißmus) folgt. Zugleich sieht man sie hier als die große Gegenspielerin des Destruktions oder gar Todestriebes, mit dem sie sich ständig anders vermischt.Gesamtheit der mit den Geschlechtsorganen verbundenen Erlebnisse, Verhaltensweisen und ihrer körperlichen Grundlagen. Sexuelle Erlebnisse reichen dabei weit über die biologische Aufgabe der Fortpflanzung hinaus; die sexuelle Paarbindung ist eine wichtige und naturgegebene Voraussetzung menschlicher Kultur.
 
     
 
 
     
 
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