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Vater

 
     
   
in allen Hochkulturen der Vertreter und das Vorbild der Herrschaft. Man nimmt an, daß sich das Patriarchat durchgesetzt hat, als die nomadischen Jäger und Hirtenvölker seßhaft wurden und zu Viehzucht und Ackerbau übergingen. Zuvor hatten in Abwesenheit der Männer in der Siedlung die Frauen einen wesentlichen Teil der Macht inne. Viele primitive Völker kannten nicht einmal den Zusammenhang zwischen Geschlechtsverkehr und Empfängnis oder Geburt; damit war ihnen auch die Rolle des Vaters als Erzeuger nicht bewußt. Noch heute weiß zwar beinahe jeder Mensch, wer seine Mutterist, aber die Abstammung von einem bestimmten Mann als Vater ist ungewiß. Die Beziehung des Kindes zur Mutter, die bereits vor der Geburt so innig ist, bleibt meist bis an die Grenze der Pubertätviel enger als die zum Vater. In der bürgerlichen Kultur bestimmt die Mutter das Heim und vertritt das Gefühlsleben ; der Vater steht an der Grenze zur Außenwelt und verkörpert eher die materiellen Belange. Er ist es, der die Gebote und Verbote erläßt, und der ihre Übertretung mit Strafe bedroht. Er ist die erste Autorität überhaupt. Das Verhältnis zu ihm prägt das zu allen anderen »Herrschern«, den Lehrern, den Vorgesetzten, den Vertretern des Staates und selbst zu Gott. Er bietet dem Knaben ein Vorbild der Männlichkeit und auch Schutz. Aber seine Macht löst ebenso rebellische Gefühle aus, und der Knabe wird durch seine Liebe zur Mutter zum Rivalen des Vaters. Diese Konkurrenz setzt sich fort, wenn eines Tages der Sohn zur Nachfolge des Vaters reif wird. Die väterlichen Gebote werden im Über-Ich verinnerlicht. Der Sohn folgt ihnen unbewußt auch und gerade dann noch, wenn er sich äußerlich längst von der väterlichen Vormundschaft befreit hat. Irgendein Verhältnis zwischen Gehorsam und Rebellion dem Vater gegenüber bestimmt bei den meisten Männern die Einordnung in die Gesellschaft, oder den Protest gegen sie. Auch die Einstellung zur Sexualität wird wesentlich bestimmt und begrenzt durch die Nachwirkungen der KastrationsDrohung, die (vermeintlich) vom Vater ausgegangen ist. Für das Mädchen ist der Vater nicht nur die Autorität, sondern auch das Vorbild des Mannes als Partner. In ihrem Verhältnis zu ihm können sich erotische Beziehungen meist offener ausdrücken als zwischen Mutter und Sohn. In ihrer Liebe zum Vater empfindet die Tochter die Mutter als Rivalin (Elektra-Komplex). Doch dieser Beziehung ist auch beim Mädchen ein tiefes Verhältnis zur Mutter vorausgegangen. Die Liebe zum Vater, das heterosexuelle Muster im Leben der Frau, ist erst ihre zweite Liebeserfahrung. Heute geht die Bedeutung des Vaters für beide Geschlechter zurück. Die Erziehung von Knaben und Mädchen liegt in den ersten Kindheitsjahren fast ausschließlich bei der Mutter. Auch das patriarchalische Muster der Gesellschaftsordnung wird mehr und mehr infrage gestellt. Aus dieser Entwicklung zur »vaterlosen Gesellschaft« müssen sich Änderungen im Selbstverständnis der Geschlechter und in ihrer Beziehung zueinander ergeben, deren Ende sich nach der gegenwärtigen Unsicherheit noch nicht absehen läßt.
 
     
 
 
 
     
 
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