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Tradition

 
     
   
die Weitergabe von Kenntnissen, Regeln, Anschauungen und Verhaltensweisen über Genera tionen hinweg. Während die Instinkte, von denen die meisten Tiere geleitet werden, angeboren und während des Lebens unveränderlich sind, gibt es bei einigen Tierarten und dann ganz ausgeprägt beim Menschen die Fähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen. Was eine Generation gelernt hat, gibt sie an die nächste weiter. So werden Versuche erspart, deren Ausgang unsicher wäre, und manche unnötige Fehler werden vermieden. Ist aber die Tradition zu fest verankert, dann macht sie es schwer, sich der realen Veränderung der Verhältnisse anzupassen. In Gesellschaften, in denen kaum eine Änderung stattfindet, z. B. in Bauern-Kulturen, ist die Moral eben durch die Tradition bestimmt. Erst mit der Bedeutung des Bürgers wird die »Traditionslenkung« von der »Innenlenkung« abgelöst. Starr werden Traditionen vor allem, wenn sie unbewußt geworden sind, sich also von der Einsicht nicht mehr überprüfen lassen. Denn nur ein kleiner Teil der Überlieferung beruht auf bewußter Erziehung. Selbst die erklärten Gebote und Verbote wären nur wenig wirksam ohne die Liebesprämien, die auf den Gehorsam ausgesetzt werden, und ohne die Drohung mit Liebesentzug im Falle der Weigerung. Den Erziehern »zuliebe« werden die Inhalte der Tradition verinnerlicht. Sie werden in das Über-Ich als Teil der eigenen Seele aufgenommen, das nun für einen unbewußten, sozusagen automatischen Gehorsam sorgt. Die Erzieher wissen selbst oft nicht, was sie eigentlich vermitteln; sie folgen bereits unwillkürlich den Traditionen ihres Volkes, ihrer Religion, ihrer Schicht. Ihr Beispiel wird durch das Beispiel der übrigen Umwelt des Kindes verstärkt. Überhaupt ist die fast gedankenlose Nachahmung dessen, was alle ringsumher tun, eines der wichtigsten Transport-Mittel der Tradition. Nur mit Hilfe einiger Traditionen ist Kontinuität denkbar. Nur so bewahrt ein Volk seine Identität. Dennoch findet in jeder Generation ein Aufstand gegen die Überlieferungen der Eltern statt. Je mehr die Tradition in-frage gestellt wird, desto starrer wird sie gewöhnlich von denen verteidigt, die Veränderungen nicht wahrhaben wollen. Manchmal findet in der neuen Generation ein Rückgriff auf Vorstellungen statt, die vor der Zeit der Eltern geherrscht haben. Die seelischen Veränderungen, die das Kind in der Zeit seiner völligen Abhängigkeit durchgemacht hat, sitzen meist so tief im Unbewußten, daß sie erhalten bleiben, auch wenn sich der Erwachsene bewußt längst von den elterlichen Traditionen losgesagt hat. Dann lebt die »Seele« gleichsam in einem anderen Zeitalter als der Verstand und hindert den Menschen, der Einsicht entsprechend zu leben.
 
     
 
 
 
     
 
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