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Schicht

 
     
   
ist sowohl ein soziologischer wie ein psychologischer Begriff. Freilich hat auch die Einordnung des Ein zelnen in die Struktur seiner Gesellschaft wichtige Folgen für seine Möglichkeiten, Wertvorstellungen und Hemmungen. Die Moral macht dem Bauern andere Vorschriften als dem Bürger, räumt der Elite andere Rechte ein als dem Proletariat, und sieht wohl auch Sonderregelungen für marginale Gruppen wie die Boheme vor. Es gab Gesellschaftsordnungen, die dem Einzelnen so gut wie keine Gelegenheit boten, aus dem sozialen Niveau, in das er geboren war, aufzusteigen. Die Schichten waren als Kasten streng und für immer von einander abgekapselt. Für Karl Marx war entscheidend die Zugehörigkeit zu einer von wenigen Klassen, die sich durch ihren Anteil an Macht und Besitz unterscheiden und in einem ständigen Kampf gegeneinander den Lauf der Geschichte bestimmen. Zum Begriff der Schicht dagegen gehört eine Vielzahl von Gruppen, deren Unterschiede nur graduell sein mögen und vielfältige Übergänge gestatten. Die meisten von ihnen sind heute der Mittelklasse zuzuordnen. In jeder Schicht sind die Möglichkeiten zur Erfahrung und Entwicklung zunächst von den materiellen Umständen abhängig. Sie bestimmen weitgehend die Erziehung und den Zugang zur Bildung. Schon die geistigen Anregungen, die die Eltern dem Kinde vermitteln können, bereiten die Aufnahmefähigkeit für das spätere Lernen vor. Die Wahl der Schule ist meist eine Vorentscheidung für die beruflichen Möglichkei ten. Ebenso wichtig ist das Maß der seelischen Zuwendung, daß die Eltern im Kampf ums materielle Überleben noch ihren Kindern gegenüber aufbringen können. Äußere Umstände, wie etwa die Wohnung und deren Umgebung, in der ein Kind aufwächst, bestimmen die besonderen Erfahrungen, die seine Auffassung von der Welt und sein Selbstverständnis prägen. Von ihnen hängt es ab, wie weit man sich später heimisch fühlen kann oder sich einer Entfremdung ausgesetzt sieht. Die Sozialisation des Kindes in der Familie geschieht nach den Wertvorstellungen der Schicht, in die sie gehört. Die Moral, die ins Über-Ich aufgenommen wird, ist zunächst eine Schicht oder Klassenmoral. Das Über-Ich selbst ist eine soziale Instanz und somit auch der Ort des »Klassenbewußtseins«. Mit dem Über-Ich ist zugleich eine der »Schichten« genannt, von denen die Tiefenpsychologie spricht. Man nennt sie auch »Instanzen«, die für unterschiedliche Lebensaufgaben zuständig sind. Das Es vertritt das Lebensprinzip; es ist die eigentliche Triebkraft. Das Ich ist der äußeren Realität zugewandt und hat die Aufgabe der Triebkontrolle. Das Über-Ich vermittelt die Beziehung zur mitmenschlichen Umwelt und den gelernten Idealen. Das Es liegt in der »Schicht« des Unbewußten, in die auch ein Teil der einmal bewußten Erfahrungen absinkt (Verdrängungen). Das Ich ist der Schicht des Vor-bewußten zugeordnet; ihm ist also das Bewußtsein zugänglich, obwohl es auch ins Unbewußte hineinreicht. Dem Unbewußten tiefer verbunden ist das Über-Ich, das sich doch als Gewissen dem Bewußtsein sehr deutlich aufdrängen kann. Dieser Beziehung verdankt die Zuordnung zur sozialen Schicht, daß sie auch dann noch seelisch weiterwirkt, wenn man deren Grenzen bewußt längst überschritten hat. Wir urteilen und handeln oft noch dort, wo es um das ganz Persönliche zu gehen scheint, nach den Maßstäben der Schicht, in der wir als Kinder geprägt worden sind.
 
     
 
 
 
     
 
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