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Proletariat

 
     
   
»die Besitzlosen«, insbesondere die Industrie-Arbeiterschaft in den ersten Jahrzehnten des Kapitalismus. Es geht um eine Schicht von Menschen, die nichts anderes zu verkaufen haben als ihre Arbeitskraft, und die deshalb von den Besitzern der Produktionsmittel, also der Maschinen, abhängig sind. Ihre Entlohnung reicht oft gerade nur dazu, sich am Leben zu erhalten, nicht aber dazu, für Notfälle Reserven zu bilden. Ihre Unsicherheit ist seither durch Gewerkschaften und Sozialgesetzgebung zum Teil gemildert worden. Die materielle Beengtheit ihres Lebens hindert sie weitgehend, am Kulturleben teilzunehmen. Vielfach sind sie genötigt, ihre Kinder möglichst bald ins Erwerbsleben zu entlassen, sodaß sie ihnen keine höhere Ausbildung geben können. Selbst wo solche materiellen Schranken überwunden werden könnten, fehlt es im familiären Bereich dieser Schicht an geistigen Anregungen. Tatsächlich wird die Schichtgrenze heute weniger durch materielle als durch geistige Benachteiligung gekennzeichnet. Dabei zeigt sich auch, daß Bildung noch etwas anderes ist als der Erwerb von Kenntnissen und die Verstandesschulung, daß vielmehr zu ihr auch eine Prägung gehört, wie sie in dieser Schicht kaum stattfinden kann. Der Druck der Arbeitspflichten und die ständige Bedrohung durch Unsicherheit beengen die Freiheit so stark, daß die moralischen Gebote, die man dem Bürger auferlegte, für das Proletariat kaum galten. Man verließ sich stillschweigend darauf, daß hier die Not jede Entwicklung zur Freiheit hindern werde. Ein sehr starker moralischer Druck entsteht erst in Aufsteiger-Familien, das heißt bei solchen Arbeitern, die ihren Kindern den Weg ins Bürgertum bahnen wollen. Hier werden oft, zum Beispiel auch in sexueller Beziehung, strengere Ideale gelehrt, als sie in Bürgerfamilien der Gegenwart noch gelten. Mit dieser Problematik hat sich Wilhelm Reich auseinandergesetzt, der die Einsichten der Psychoanalyse mit den Lehren des Marxismus zu verbinden suchte. Die Versuche, im Proletariat ein Klassenbewußtsein zu entwickeln und die Arbeiterschaft zu einer Solidarität über die Grenzen der Nationen hinweg zu verpflichten, sind bisher nur wenig erfolgreich. Die anerzogene Bindung an die Nation erwies sich in den Weltkriegen stärker als die Beziehung zu fremden, unbekannten Klassengenossen. Die meisten Arbeiter, die sich aus der Enge ihrer Schicht befreien konnten, nahmen die Verhaltensweisen und Wertordnungen des Bürgertums an und gingen damit als Führer ihrer ursprünglichen Klasse verloren. Der psychische Unterschied zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum spiegelt sich auch darin, daß die medizinische, also die mit einer Behandlung seelischer Krankheiten verbundene Psychologie darüber kaum etwas aussagen kann. Methoden dieser Therapie wie in der Psychoanalyse sind schon der Kosten wegen dem Arbeiter kaum zugänglich. Zudem setzen sie eine Art der Verständigung zwischen Arzt und Patient voraus, wie sie zwischen dem akademisch ausgebildeten Arzt und dem ungebildeten Arbeiter nicht hergestellt werden kann. Weil solche Behandlungen nur ganz ausnahmsweise stattgefunden haben, gibt es auch kaum tiefgehende Erfahrungen über die speziellen seelischen Probleme des Proletariates.
 
     
 
 
 
     
 
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