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Psychoanalyse

 
     
 
nach einer Definition ihres Begründers Sigmund Freud »der Name 1) eines Verfahrens zur Untersuchung seelischer Vorgänge, die sonst kaum zugänglich sind; 2) einer Behandlung neurotischer Psychoanalyse Störungen, die sich auf diese Untersuchung gründet; 3) einer Reihe von psychologischen, auf solchem Wege gewonnenen Einsichten, die allmählich zu einer neuen wissenschaftlichen Disziplin zusammenwachsen« (1923). Die Psychoanalyse geht von der Erfahrung aus, daß der größte Teil des seelischen Lebens unbewußt ist. Das Verdrängte kann mit ihren Mitteln weitgehend wieder bewußt gemacht werden. Das Triebleben selbst läßt sich nur aus seinen bewußtseinsfähigen Äußerungen erschließen. Zu den besonderen Methoden der psychoanalytischen Forschung gehört die freie Assoziation, mit ihrer Hilfe die Deutung von Fehlleistungen und Träumen, die Aufschlüsselung der Symbol-Sprache, wie sie sich oft im Traum, in Märchen und Sagen, manchmal auch in unwillkürlichen Handlungen oder den Symptomen einer seelischen oder seelisch mitbedingten (psychosomatischen) Krankheit ausdrückt. Damit geht die Psychoanalyse weit über den Bereich der Medizin, der Psychotherapie hinaus. Die Tiefenforschung, mit der sie begann, war freilich nur im Zusammenhang mit Leiden möglich, die Kranke bereit machten, sich einer Begegnung mit ihren wahren Konflikten auszusetzen. Nur unter der Kontrolle des analytischen Therapeuten läßt sich der Widerstand gegen solche Erkenntnisse ausreichend überwinden. Aus der Stärke, die dieser Widerstand im Laufe der Kur jeweils an nimmt, liest der Arzt ab, welche Konflikte am meisten verdrängt sind, also auch die größte Bedeutung haben. Der Patient würde der Führung des Arztes zur peinlichen Selbsterkenntnis nicht folgen, wenn nicht zwischen ihm und dem Therapei ten eine Art Liebesverhältnis entstünde, die sogenannte Übertragung. Sie erwirbt ihre Kraft aus früheren Liebeserfahrungen, kann aber auch negative Elemente des Vorbildes als Auflehnung und sogar Haß nachvollziehen. Das Interesse des Arztes an seinem Patienten kann den Therapeuten zu einer entsprechenden Gefühlsbeziehung verleiten, einer Gegenübertragung, in der auch der Arzt seinen Patienten irgendwie mit anderen Personen seiner Gefühlserfahrung verwechseln würde. Deshalb soll der Psychoanalytiker in einer »Lehranalyse« seiner eigenen Konflikte bewußt geworden sein und sich ständig durch Selbstanalyse unter Kontrolle halten. Die psychoanalytische Therapie wurde zu einem wichtigen Mittel der psychoanalytischen Forschung. In diesem Bereich wurde Freud zum ersten Mal auf die Bedeutung der Träume aufmerksam, deren Aufschließung dann zeigte, daß sich in den Formen seelischer Krankheit nur besonders kraß die gleichen Konflikte äußern, die das Leben aller Menschen mitbestimmen. Die Forschung erstreckte sich auf alles, was Menschen fühlen, denken und tun, so auf die Völkerkunde, auf Mythen und Mär chen, auf die Kunst und die Religion, auf Krieg und Verbrechen, auf die Gemeinschaftsbildung und alles, was sich zwischen den Menschen abspielt. Die Psychoanalyse hat sich in auffallender Weise mit Erscheinungen beschäftigt, die zuvor unbeachtet geblieben oder für unwichtig gehalten worden sind, wie eben den Träumen oder den Fehlleistungen, mit »Kleinigkeiten« oder sogar »Abfallprodukten« des psychischen Lebens. Aber nur auf eine solche unauffällige Weise kann das Unbewußte sich über die Schwelle der Verdrängung hinweg Ausdruck verschaffen. Nur im Studium dieser Beiläufigkeiten läßt sich eine Einsicht in das Unbewußte gewinnen. Einzelne Erkenntnisse freilich würden kaum beweiskräftig wirken; erst die Tatsache, daß sich solche Erkenntnisse unablässig wieder und wieder aufdrängen, verschafft den psychoanalytischen Folgerungen ihre Bedeutung. Die Psychoanalyse sucht die seelischen Vorgänge zu ermitteln, indem sie sie als Gegenspiel zwischen verschiedenen Kräften, Schichten oder »Systemen« versteht. Als Ursprung sieht sie das Triebleben an, das sich im Unbewußten, im Es, abspielt. Nach Freuds letzten Konzeptionen sind es zwei Triebe, die in der Psyche gegeneinanderstehen und sich vermischen die Sexualität in einem sehr weiten Sinne, unter Einschluß der Selbstliebe, des Narzißmus, und der Destruktions oder Todestrieb. Der Vorwurf gegen die Psychoana lyse, sie erkläre alles aus der Sexualität, sei ein »Pansexualismus«, ist falsch, weil sie niemals andere Triebe geleugnet hat und sich ebenso intensiv mit den Hemmungen unter dem Einfluß der Moral beschäftigt. Zugleich liegt hier aber ein Mißverständnis insofern vor, als die Psychoanalyse den Begriff »Sexualität« viel weiter faßt, als das im sonstigen Sprachgebrauch üblich ist. Für sie reicht die Sexualität einmal weit über den genitalen Bereich hinaus, umfaßt jede Form der körperlich-sinnlichen Lust. Zum anderen wird sie hier in direkte Beziehung zur Liebe als seelischer Regung gesetzt. Die Libido, die Triebkraft der Sexualität, wird als ein Strom verstanden, der jede Liebe speist, so weit sie sich auch von der Geschlechter-Beziehung entfernt haben mag. Nach psychoanalytischer Einsicht macht die menschliche Seele im Laufe des Lebens eine Entwicklung durch. Zwar bleibt das, was wir auf die Welt mitbringen, grundlegend (primär). Aber es modelt sich unter dem Einfluß der Umwelt, unter dem Zwang zur Erkenntnis der äußeren Realität, und mit Rücksicht auf die Mitmenschen, in deren Gemeinschaft wir uns einpassen müssen, um. Die entscheidende Entwicklung findet während der frühen Kindheit statt. Hier drängt die Erziehung die Triebe zu einem gesellschaftlich angemessenen Ausdruck. Sie wiederholt und verstärkt damit jene Entwicklung, die in der Geschichte der Menschheit, im Laufe der Zivilisation stattgefunden hat. Ein entscheidender Konflikt entsteht daraus, daß das Kind seine ersten Liebeserfahrungen mit den Eltern macht, dann aber der direkt sexuelle Ausdruck der Liebe gerade ihnen gegenüber unter das Inzest-Tabu fällt. Die Oedipus-Situation des Knaben schließt die Rivalität dem Vater gegenüber ein, den er ebenso überwinden möchte, wie er nach seinem Schutz verlangt und seinem Vorbild folgen will. Der Oedipus-Konflikt ist für die Psychoanalyse ein Kernproblem der seelischen Ausrichtung. Die Einzelheiten der individuellen Erfahrung bestimmen den Ausgang dieses Konfliktes. Überhaupt ist die seelische Verfassung eines reifen Menschen das Ergebnis seiner seelischen Geschichte. Die Entschlossenheit, mit der die Psychoanalyse das seelische Leben auf seine Grundlagen, die Triebe, zurückgeführt hat, mußte auf heftige Widerstände stoßen. Selbst einige der Schüler Freuds, die einsehen mußten, daß erst ein Zugang zum Unbewußten wichtige Einsichten erbringen kann, haben später die Bedeutung der Sexualität wieder geleugnet. Sie versuchten, eine weniger schockierende Tief enpsychologiezu entwickeln oder sonst eine Theorie aufzustellen, die weniger schwierig und für die Selbsterkenntnis des Menschen weniger peinlich ist. Noch heute wirft man Freud gern vor, daß seine Theorien abstoßend seien, oder unterstellt ihm Aussagen, die er nie gemacht hat, um seine Lehre als unsinnig zu brandmarken. Ihn selbst müssen manche seiner Einsichten, so vor allem die Erkenntnis der kindlichen Sexualität, außerordentlich verstört haben. Aber anders als seine Gegner hatte er den Mut, zu sehen und zu sagen, was ihm die Wirklichkeit zeigte.Teilgebiet der Psychologie, das folgende Teile umfaßt: 1. Eine Forschungsmethode, die dazu dient, die unbewußte Bedeutung sonst unverständlicher Erscheinungen (Fehlleistungen oder Träume) zu erklären. 2 Eine Methode der Psychotherapie, die mit Hilfe einer besonderen Behandlungstechnik Neurosen heilen kann. 3. Eine Theorie der seelischen Entwicklung, der Kultur und vieler psychologischer Vorgänge im Alltag, verbunden mit einer besonderen Erklärung der Neurosen. Freud ging von Beobachtungen aus, daß ein Mensch in Hypnose Aufträge ausführen kann, ohne von ihnen zu wissen; zur Rede gestellt, erfindet er eine Begründung (Rationalisierung) . Er übertrug diese Erklärung auf Fehlleistungen des Alltags und endlich auf Träume, aus denen er ebenfalls Wünsche und Gefühle ableiten konnte, die dem Träumer unbewußt waren, aber sein Verhalten beeinflußten. Diese Alltagserscheinungen fand er endlich in den Krankheitserscheinungen bei Neurosen wieder. Die psychoanalytische Methode. Freud entwickelte sie, als er die Hypnose aufgab, weil sich nicht alle Patienten tief genug hypnotisieren ließen und er mit diesem Mittel auch nicht genügend Aufschluß über die Entstehung der Neurose erreichen konnte. Statt einen Kranken zu hypnotisieren, forderte er ihn auf, alles zu sagen, was ihm zu einem bestimmten Symptom oder Traum einfiel, ohne sich durch irgendwelche Rücksichten auf Sinn, Zusammenhang, die Person des Arztes oder gesellschaftliche Normen beeinträchtigen zu lassen. In diesen freien Einfällen oder freien Assoziationen tauchte dann regelmäßig ein bisher unterdrückter Inhalt (Verdrängung) auf, häufig in entstellter Form. Diese Entstellungen werden durch die Deutungen des Psychoanalytikers rückgängig gemacht, so daß endlich der Patient ein Stück seines bisher abgespalteten Unbewußten dem bewußten Ich angliedern kann.

Die weitere Forschung mit dieser Methode führte dazu, daß Freud die kindliche Sexualität, den Ödipuskomplex und damit die Bedeutung der Kindheit für die seelische Entwicklung und den Aufbau der Persönlichkeit entdeckte. Die Lehre vom Unbewußten wurde weiter ausgebaut, auf die Kulturgeschichte angewendet (da die Einflüsse der Kultur die Verdrängung mancher Triebwünsche erzwingen), und endlich zu einer Metapsy-chologie erweitert, als Freud deutlicher sah, daß nicht nur das Verdrängte (das Unbewußte, zum Beispiel ein Triebwunsch), sondern auch das Verdrängende (die Abwehr) nicht bewußt sind. Er schuf eine «Topik», das ist eine Lehre von verschiedenen inneren Instanzen, dem Es, Ich und Über-Ich, und eine neue Trieblehre: Hatte er früher die Sexualtriebe (Art erhaltung) den Ich-Trieben (Selbsterhaltung) gegenübergestellt, so erklärte er seit 1920 die menschliche Motivation durch das Zusammenwirken von Lebens- und Todestrieben, aus deren Mischung die verschiedenen Motive von Liebe bis zur Aggression entstehen. Die Psychoanalyse ist bis heute die wichtigste und für das Alltagsleben aufschlußreichste psychologische Theorie; sie hat die meisten Formen der Psychotherapie angeregt und in vielen neueren Forschungen ihre Bedeutung, aber auch ihre lebendige Wandlungsfähigkeit bewiesen. Dabei werden viele einzelne Ansichten Freuds heute nicht mehr als allgemeingültig hingenommen, während man an der Fruchtbarkeit seiner Beobachtungen insgesamt nicht mehr zweifeln kann. Die umstrittenen Punkte der Lehre Freuds sind hauptsächlich seine Auffassung der Todestriebe, der Sublimierung, der Psychose, der Libido-Theorie und des Penisneids.
 
     
 
 
     
 
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