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Märchen

 
     
   
sind phantasievolle Erzählungen, in denen die Naturgesetze aufgehoben sind und Wunder vorherrschen. In den Märchen haben sich nicht nur Wünsche niedergeschlagen, sondern auch typische Ängste, die durch Beschwörung in der Phantasie beschwichtigt werden sollen. Solchen Ängsten steht das Kind besonders hilflos gegenüber, denn es kann noch weniger als der Erwachsene die Welt der Phantasie von der Wirklichkeit unterscheiden. Märchen sind zunächst mündlich weitergegeben worden. Erst später wurden sie schriftlich festgelegt. Dann haben Dichter künstliche Märchen geschaffen und solch Phantasie-Geschichten zu mancherlei an sich fremden Zwecken, zum Beispiel zu einer ironischen Gesellschaftskritik benutzt. Nur Hans Christian Andersen hat den Geist und Ton des Volksmärchens getroffen. Viele Märchenmotive kehren in zahllosen unterschiedlichen Fassungen wieder. Manche von ihnen sind über nahezu alle Völker verbreitet. Viele ihrer Bilder sind Symbole, wie sie in ganz ähnlicher Bedeutung auch in den Träumen, in der Bildenden Kunst oder im Mythos vorkommen. Die Volkskunst des Märchens, heute in ihrer Wirksamkeit auf die Kinder beschränkt, ist bei den Erwachsenen vom Kitsch einer rührseligen Literatur, von den Produkten der »Traumfabrik« Film oder von Schlagern abgelöst worden: den kommerziell und planmäßig gefertigten Märchen des Unterhaltungswesens. Eine Volkskunst ist das echte Märchen auch insofern, als es sich meist mit dem Schicksal kleiner Leute befaßt und nicht, wie die Sage, von Helden und Göttern erzählt. Typische Muster sind das »häßliche Entlein«, das sich als stolzer Schwan entpuppt; das verachtete Aschenbrödel, das seinen vornehmen Schwestern vorgezogen wird; und der Schweinehirt, der die Prinzessin heiratet. Das glückliche Ende des Märchens hängt nicht von irgendeinem Verdienst ab, wie sich am überwältigenden Glück des Aladin zeigt, der doch zu Anfang ein rechter Tagedieb war. Natürlich gewinnt er nicht nur Reichtum, sondern auch die Schönste aller Frauen. Die Wichtigkeit sexueller Wunscherfüllung wird in orientalischen Märchen wie denen der »Tausendundeine Nacht« unmittelbarer deutlich als in der deutschen Märchensammlung der Gebrüder Grimm. Aber gerade diese Geschichten fordern zu einer tiefenpsychologischen Deutung mithilfe der Symbolsprache geradezu heraus. So steht in »Tischlein deck dich« die orale Phase der frühkindlichen Sexualentwicklung neben der analen, die der »Esel streck dich« symbolisiert, und der phallischen, die kaum deutlicher ausgedrückt werden könnte als durch den »Knüppel aus dem Sack«. Neben der Sexualität tritt in Märchen aus aller Welt sehr deutlich der Aggressions oder Destruktionstrieb als Grausamkeitslust zutage. So spiegelt das Märchen ein gut Stück psychischer Wirklichkeit.
 
     
 
 
 
     
 
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