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Geschichte

 
     
   
wird meist nur als eine Folge von Kriegen und Staatenbildungen verstanden, allen falls noch als Entwicklung von Wissenschaft, Technik, Kunst und Sitte. Karl Marx sah sie als Geschichte von Klassenkämpfen im Zusammenhang mit der Veränderung ökonomischer Bedingungen und sozialer Strukturen. Aber noch niemand hat versucht, eine Geschichte der menschlichen Seele zu schreiben. Aus der Entwicklung des Einzelwesens wissen wir, daß zwar der Urgrund der Seele unveränderlich ist, daß sich aber die Triebe entlang der Bahnen äußern, die Erziehung und Vorbild gefördert oder eingeengt haben. Erfahrungen sinken sogar in die Nähe des Es, ins Unbewußte ab und leiten von da aus unser Verhalten und Empfinden wie eine fremde Macht. Höhere Seelenschichten wie das Ich und das Über-Ich sind zum größten Teil erfahrungsbedingt. Eine ähnliche psychische Entwicklung muß die Menschenart als Ganzes durchgemacht haben. Freud war der Auffassung, daß jedes Kind in einer unerhört verkürzten Zeit die Eignung zur heutigen Kultur neu erwerben muß, die die Menschheit im Lauf von Jahrtausenden erworben hat. Er verglich die Kindheitsgeschichte immer wieder mit der »Prähistorie« der Menschheit. Er glaubte, Urerfahrungen aus der Zeit der Menschwerdung und der frühen Menschheitsgeschichte noch im Unbewußten des heutigen Menschen nachweisen zu können, so im Zusammenhang mit dem Ekel, der Scham, dem Geruchssinn und dem Kastrationskomplex. Neuere Forscher haben die Vermu tung geäußert, daß der Einbruch der Eiszeit die Menschen zu mehr Zusammenarbeit gezwungen habe, die zugleich nur möglich gewesen sei dank einer wesentlichen Weiterentwicklung der Sprache als Mittel der Verständigung. Wirklich gehören ja Sprache und Gemeinschaftsabhängigkeit (seither) zu den wesentlichen Kennzeichen unserer Art. Es lassen sich aber auch spätere Ereignisse und Entwicklungen benennen, die unsere Seelenlage verändert haben. Manche dieser Einflüsse haben sich nur in bestimmten Kulturräumen .ausgewirkt, sodaß in oberen Schichten die »europäische Seele« anders erscheint als die afrikanische oder asiatische. Das sind freilich keine Rassen-, sondern eben Kulturunterschiede. So bedeutet für das Abendland einen sehr wesentlichen Einschnitt das Aufkommen des Christentums, das gegen ein Gefühl der Unsicherheit Abhilfe versprach. Nicht ganz so einschneidend, aber doch recht markant waren später die Veränderungen, die zur Reformation oder zur französischen Revolution führten und davon ausgingen. Allmählich wurde eine bäuerliche Kultur, die stark von Traditionen gekennzeichnet war, durch eine bürgerliche Gesellschaft abgelöst, die sich schneller verändern konnte. An die Stelle einer starken Bindung an die Religion trat in einem langsamen Prozeß der Säkularisation der Glaube an wissenschaftlichen Fortschritt und vernunftbestimmte Organisation. Der Siegeszug der Technik leitete un ser gegenwärtiges Zeitalter ein, das den Menschen wieder vor ganz neue Probleme der seelischen Anpassung stellt. Die Antworten, die die Psychologie dem heutigen Menschen schuldig ist, lassen sich weder geben noch verstehen ohne Bezug auf die Geschichte als eine auch seelisch prägende Macht.
 
     
 
 
 
     
 
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