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Kunst

 
     
   
von »können«, die Fähigkeit entsprechend begabter und geschulter Menschen, ihre Umwelt, ihre Erfahrungen und Gefühle so abzubilden oder umzugestalten, daß sie mit ihrem Werk auf andere einwirken. In der Bildenden Kunst wird eher der Raum, in Musik und Literatur eher die Zeit erfaßt. Im Theater und Tanz macht sich der Mensch selbst zum Mittel der Kunst, aber erst mit der Technik des Films konnten diese Künste fixiert werden. Die Kunst scheint keinem bestimmten Zweck verpflichtet zu sein, und gerade in dieser scheinbaren Freiheit vom Nutzen liegt ihre wahre Bedeutung. Sie erhebt den Menschen über bloße Notwendigkeiten. Das heißt nicht, daß die Kunst als »l’art pour l’art« nur um ihrer selbst willen da sei, eine Angelegenheit der Künstler und Kunstkenner. Richtig ist freilich, daß Kunst erst begreift, wer an sie gewöhnt worden ist. Es ist eine Frage der Bildung, der »Kunsterziehung«, wie weit das Verständnis für und die Liebe zur Kunst vermittelt werden kann. Bis zu einem gewissen Grade wird die Bedeutung der Kunst von Muße und also von der Überwindung äußerer Not bestimmt. Trotz der scheinbaren »Freiheit vom Nutzen« sind die Künstler stets von Aufträgen und Publikum abhängig. Oft hat man sie direkt in den Dienst der religiösen und politischen Propaganda gestellt. Aus der Auseinandersetzung des künstlerischen Wollens mit den Erwartungen des Auftraggebers oder Publikums ergibt sich die besondere künstlerische Leistung. So wurden z. B. die Heiligenmaler der Renaissance in kirchlichem Auftrag zu Verkündern des Humanismus. Der Maler oder Schreiber, der sich wirklich einer kunstfremden Idee unterwirft, gibt sich als Künstler damit auf. Seine eigenen Ideen kann er nur ausdrücken, indem er sie in Form oder Handlung umsetzt, sie anschaulich oder nachfühlbar macht. Die Wirklichkeit kann der Künstler nicht wiedergeben, so sehr er sich ihr auch annähern mag. Auch der »Realismus« und »Naturalismus« beruhen auf Auswahl und Arrangement. Ob der Künstler den persönlichen Eindruck festhalten will (Impressionismus) oder Wert auf die Stärke des Ausdrucks legt (Expressionismus), ob er die innerseelische Wirklichkeit gestaltet (Surrealismus) oder sich auf ein Spiel mit Formen einläßt, immer vermittelt er Gefühle. Man spricht zwar von den »schönen Künsten«, aber sie können nicht nur Schönheit spiegeln, die ohne Kontrast langweilig und leer werd en müßte. So oft sich die Kunst auch an gewisse lehrbare Regeln gehalten hat, immer fühlt sie sich getrieben, ihren Kanon zu zerbrechen, um neue Möglichkeiten des Ausdrucks zu erobern und ge gen jede Gewohnheit starke Gefühle zu erwecken. Sie will die Gegensätzlichkeiten der Seele darstellen, die Liebe so gut wie die Grausamkeit, die Freude so gut wie die Angst. Durch diese Vielfalt und Widersprüchlichkeit unterscheidet sie sich von dem Kitsch, der sich auf überkommene Formen beschränkt, ihnen sogar nachhinkt, und nur vorgeformte Gefühle (Klischees) anspricht. Die Kunst kann, und will oft, erschüttern; der Kitsch soll nur eine vorübergehende sentimentale Stimmung schaffen. Die Unterhaltung will sogar nur ablenken, sodaß sie auf Gefühlsschwindel verzichten kann. Das Aufkommen des Kitsches hängt mit dem Niedergang der Volkskunst zusammen, die er kopiert, und mit der Trennung des Berufskünstlers von seinem Publikum. Doch war der Künstler wohl schon immer ein besonderer Mensch, den Gefühlen mehr verhaftet als den Äußerlichkeiten, der Phantasie mehr zugetan als den Notwendigkeiten. Er kann sich der bürgerlichen Ordnung schwer fügen, lebt oft in der Boheme nach besonderen Gesetzen. Er gerät leicht in Konflikt mit den Mächtigen, die ihn nur dulden möchten, wenn er ihnen gefällig ist. Freud sah im Künstler einen Menschen, der dem Realitätsprinzip ausweicht, indem er eine zweite, künstliche Welt schafft, die dem Lustprinzip gehorchen kann. Tatsächlich gestaltet der Künstler oft Unlust, aber indem er das tut, zeigt er sie als beherrschbar. Mit seinem Werk hat er anderen ein Beispiel gegeben und ihnen die Möglichkeit eröffnet, am Kunstwerk eine ähnliche Leistung nachzuvollziehen. Sein Können besteht in der Beherrschung seiner Mittel; die eigentliche Quelle seiner Kunst liegt in der Aufnahmefähigkeit für unbewußte Regungen und in der Gabe, sie auszudrücken.
 
     
 
 
 
     
 
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