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Angst

 
     
  ist die Reaktion auf eine unbestimmte Bedrohung. Sie ist der Furcht nahe verwandt, die eintritt, wenn wir uns einer direkten Gefahr gegenübersehen. Einer solchen Gefahr können wir aktiv begegnen oder uns durch Flucht entziehen. Das Gefühl der Angst ist oft unerklärlich. Wir erkennen die Gefahr nicht, die irgendwo auf uns zu lauern scheint, oder wir sehen einen Anlaß für sie, der zu geringfügig wirkt, als daß er das Maß der Angst rechtfertigen könnte. Dann nähert sich die Angst der Phobie. Angst löst körperliche Symptome aus wie Beschleunigung des Pulses, Atemnot, Zittern, Schweißausbruch. Das deutsche Wort »Angst« hat mit »Enge« zu tun. Man hat dieses Gefühl auf den Vorgang der Geburt zurückgeführt, bei dem das Kind aus dem Mutterleib durch die Enge der Scheide ins Leben tritt. Zugleich sieht man im »Geburtstrauma« das prä gende Vorbild der Trennungs-Angst. Der Mensch fürchtet sich davor, die gewohnte Geborgenheit zu verlieren und in eine neue Lage zu kommen, die er nicht kennt. So geht das Anwachsen der Angst in unserer Zeit zum großen Teil auf die schnellen Veränderungen unserer Umwelt zurück und auf eine Entwicklung der Technik und der Organisationen, die immer undurchschaubarer werden. Ein anderer Teil unserer Angst ist »Triebangst«, also die Befürchtung, unsere Triebekönnten in einer Weise durchbrechen, die uns die Liebe unserer Nächsten raubt und die Feindschaft der Mitmenschen einträgt. Auch dies ist somit eine Angst vor Vereinzelung und Schutzlosigkeit. Zwar versuchen wir oft vor dieser inneren Gefahr wie vor einer äußeren zu fliehen, aber wir können ihr sowenig entrinnen wie uns selbst. Wir können die Triebangst nur verdrängen und machen damit ihre Gefahr unkontrollierbar. Scheinbar unvernünftige und unangemessene Ängste treten dann an die Stelle jener eigentlichen Angst, die wir uns nicht eingestehen wollen. Dennoch beschwören wir auf mancherlei Weise eine künstliche Angst. Indem wir uns angstvolle Situationen absichtlich vorstellen oder sie uns von Künstlern, Dichtern oder Filmregisseuren und Schauspielern vormachen lassen, beweisen wir uns, daß wir Angst ertragen und Gefahren meistern können. Die Lust am Verbotenen, die mit der Angst vor der Strafe gepaart ist, steigert in eigentümlicher Weise den Genuß, nicht zuletzt, weil sie uns bestätigt, daß wir stark genug seien, den Regeln zu trotzen. Lust kann aber auch unmittelbar in Angst umschlagen, wenn sie auf ein Tabu stößt, das uns die Erziehung eingepflanzt hat. Hieraus erklärt sich der Angst Traum. Die Erzeugung von Angst gehört zu den Mitteln der Menschenführung, der Demagogie und der Bekehrung. Die Angst, die so erweckt wird, macht unsicher und treibt in die Arme der »Führer«, die Schutz gegen alle Gefahren versprechen, wenn man ihnen nur blindlings folgt. In der Erziehung des Kindes stärken übermäßige Verbote und überzogene Forderungen die Angst. Sie bewirken das Gefühl, daß man es doch nie recht machen kann und also immer dem Liebesentzug ausgesetzt ist. Der Angst entgegen wirkt die Erfahrung der Liebe und der Geborgenheit. Ebenso wichtig ist die Entwicklung eines Selbstbewußtseins, das eine gewisse Sicherheit gegenüber späteren Lebensproblemen verleiht. Auch könnte man viele Ängste auf ein durchaus erträgliches Maß mindern, wenn man sich ihnen nicht einfach ausliefert, sondern sie auf ihren wahren Anlaß und ihre reale Berechtigung zurückführt.Ein Gefühl von Unsicherheit, Erregung und Spannung, das manchmal - nicht immer - mit der Vorstellung einer bedrohlichen, möglicherweise Schmerzen verursachenden Situation verbunden ist, nennt man im allgemeinen Sprachgebrauch Angst. Die Angstreaktion ist ein sinnvolles Stück unserer biologischen Ausrüstung. Wer sich vor Gefahren nicht fürchtet und ihre Wiederholung nicht vermeidet, hat geringere Überlebenschancen. Von dieser begründbaren, an realistisch gesehene Gefahren geknüpften Angst (Realangst, objektive Angst) muß die irrationale, neurotische Angst unterschieden werden. Wer sich ungesichert dicht an einem Abgrund fürchtet, hinabzustürzen, wird durch diese Angst in seinen Überlebenschancen gefördert (weil er auf Klettertouren sicher Wert darauf legt, sich rechtzeitig anzuseilen). Wer hingegen bereits auf einer von einem starken, hohen Geländer gesicherten Brücke vor Angst kaum mehr atmen und gehen kann, wird durch diese neurotische Angst ernstlich behindert. Er muß weite Umwege machen, um Brücken zu meiden. Nach dem Erfahrungsstand der Psychoanalyse entsteht solche neurotische Angst dann, wenn Angst vor einer äußerlich real nicht gefährlichen Situation benutzt wird, um eine tatsächlich bestehende, aber unbewußte (verdrängte) innere Gefahr auszudrücken und zu vermeiden.

Der «kleine Hans», ein vierjähriger Junge, dessen Phobie S. Freud beschrieben hat, litt eine Zeitlang an heftiger Angst, daß auf der Straße ein Pferd umfallen könnte, und wollte deshalb gar nicht mehr auf die Straße gehen. Es zeigte sich, daß hinter dieser Angst ein Todeswunsch gegen den Vater stand, verbunden mit der Furcht, deshalb vom Vater bestraft zu werden. Als der Vater selbst, der mit Freud in der Behandlung des kleinen Hans zusammenarbeitete, dem Kind diese Bedeutung erklärte, verschwand die Pferdephobie.

Eine Unterscheidungsmöglichkeit innerhalb der neurotischen Angstzustände ist die zwischen der in einer Phobie «gebundenen» und der «frei flottierenden» Angst. Im ersten Fall werden bestimmte Situationen gefürchtet -allein auf die Straße zu gehen, Plätze zu überqueren, Spinnen, Schlangen, Katzen oder Hunden zu nahe zu kommen. Die frei flottierende Angst hingegen überfällt das Opfer jäh, ohne crlebba-ren äußeren Anlaß. Erst die psychoanalytische Aufklärung könnte hier möglicherweise einen unbewußten Anlaß erschließen. Die «freie» Angst äußert sich oft als körperliches Unbehagen ; der Betroffene glaubt etwa, sein Herz würde stillstehen, er muß plötzlich erbrechen, er erleidet einen Anfall heftiger Atemnot. Einzelne Abschnitte des Spektrums der körperlichen Begleiterscheinungen der Angst können ihrerseits wiederum zu Auslösern für soziale Ängste werden. Wer Angst hat, schwitzt und muß häufig austreten. Er kann nun eine Angst entwickeln, in sozialen Situationen - etwa bei Vorgesetzten -zu schwitzen oder austreten zu müssen, was durch die Erwartung, daß es geschehen könnte, dann prompt ausgelöst wird.

Ein niedriger Grad von Angst kann die Leistungen in manchen Situationen verbessern (in Prüfungen, beim Theaterspielen), während heftige Angst die Leistungsfähigkeit blockiert. Wer Angst hat, neigt meist dazu, sich zu überfordern; er möchte die Angst mit einem großen Schritt loswerden, scheitert daran und klagt am Ende über noch stärkere Angst. Ein aus Angst vor sexuellem Versagen impotenter Mann will zum Beispiel mit einer neuen Bekannten sofort Sexualverkehr haben, versagt und leidet nun an gesteigerter Angst vor dem Versagen. Eine bessere Taktik ist die schrittweise Überwindung, bei der die Angst nie so stark werden darf, daß sie die Leistungsfähigkeit blockiert. Wer Angst vor öffentlichem Reden hat, sollte nicht sofort von sich verlangen, frei zu sprechen, sondern erst einmal dadurch Selbstvertrauen gewinnen, daß er bereits vollständig ausgearbeitete Texte vorträgt. Wenn ihm das mehrmals gelungen ist, wird er sicher eines Tages auch frei sprechen können.
 
     
 
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