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Phobie

 
     
   
eine gesteigerte Angst vor bestimmten Objekten oder Situationen, die weit über die Gefahr hinausgeht, die real darin liegen mag. Früher hatten Frauen Angst vor Mäusen, die ihnen doch kaum etwas hätten tun können. Recht verbreitet ist die Furcht vor Schlangen, die uns in unserer Zivilisation kaum je bedrohen, und von denen viele ganz harmlos sind. Die Gefahr, die in solchen Angstobjekten zu liegen scheint, verdeckt eine innere Gefahr, die sich in ihnen nur symbolisiert hat. Die Maus raschelt unter den langen Röcken und erinnert an die Sexualzone, die sie verdeckten; in der Symbolsprache vertritt sie mit ihrem weichen Fell den weiblichen Schoß. Die Schlange ist ein Penis-Symbol, so schon in der biblischen Geschichte vom Sündenfall. Oft läßt sich kaum sagen, welchem Objekt die Phobie eigentlich gilt. Der »kleine Hans«, der erste kindliche Patient der Psychoanalyse, hatte eine heftige Angst vor Pferden entwickelt, die zugleich sein lebhaftes Interesse an sich zogen, und die dann auch durch andere große Tiere als Angstobjekte abgelöst werden konnten. In der Behandlung ergab sich, daß das Pferd an die Stelle des Vaters getreten war: Die Phobie entsprang der Angst vor der Kastration, mit der der Vater zu drohen schien; in sie ging aber auch die Liebe zum Vater und die Bewunderung für ihn ein. Das Pferd war für den kleinen Hans zu einem Sinnbild der geliebten, gehaßten und gefürchteten väterlichen Autorität geworden, ganz ähnlich, wie das bei gewissen Naturvölkern im Glauben an ein Totem geschieht. Das Objekt der Phobie ist gleichsam ein umgekehrter Fetisch, das eben nicht die Liebeserwartung, sondern die Angst an sich bindet. Ähnliches gilt für die Angst vor dem Überschreiten großer Plätze (Agoraphobie, Platzangst im engeren Sinne); die Furcht gilt nicht dem Platz, sondern dem, was dort geschehen könnte. Man will sich nicht ohne Hilfe und Leitung in einen offenen Raum hinauswagen, in dem man auch versucht sein könnte, etwas Verbotenes zu tun. Die umgekehrte Angst vor engen Räumen (Klaustrophobie) geht letztlich auf die Enge im Mutterleib vor der Geburt zurück, und auch hier mischt sich die an sich verständliche Furcht vor dem Eingesperrtsein mit der uneingestandenen Sehnsucht, in diesen Mutterleib zurückzukehren. Erst die Ambivalenz steigert die Angst zur Phobie. Es gibt zwar typische Phobien, die bei den verschiedensten Menschen ähnlich auftreten, doch bei jedem haben sie individuelle Ursachen, die in den persönlichen Erfahrungen begründet sind. Aber eine übersteigerte, wahnhafte Angst kann auch eine Masse ergreifen. Der mittelalterliche Glaube an Hexen war eine solche Massen-Phobie. Recht leicht läßt sich immer wieder die Xenophobie, die Fremden-angst und der Fremdenhaß wecken, deren Gefahren die nationalsozialistische Judenverfolgung offenkundig gemacht hat.Seelische Störung, bei der die Lebensmöglichkeiten durch Ängste erheblich eingeschränkt werden: Agoraphobie (Platzangst; Angst, Plätze oder Straßen zu betreten), Tierphobien (vor Spinnen, Hunden, Katzen...), Aichmophobie (Angst vor Höhen), Erythrophobie (Errötungs-angst; Angst, in sozialen Situationen rot zu werden). Leichtere, phobie-ähnliche Ängste (vor der Dunkelheit, vor Bakterien, vor Flugreisen...) sind «normal», im Sinn der Durchschnittsnorm (Norm). Man wird bei fast allen Menschen irgendeine Spur unvernünftiger Angst entdecken; von Phobie sollte man erst sprechen, wenn die Lebensführung dadurch ernstlich beeinträchtigt wird.
 
     
 
 
 
     
 
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