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Sprechen

 
     
 
der Sprechvorgang; umfaßt alle psychischen und physiologischen Prozesse, die bei einer sprachlichen Äußerung ablaufen. Manchmal wird statt Sprechen auch der Begriff Sprachproduktion verwendet, um schriftliche Sprachäußerungen mit zu berücksichtigen.Die einzelne Sprechhandlung ist immer in einen größeren Situations- und Handlungskontext eingebettet, in dem der Sprechende spezifische Handlungsziele verfolgt. Meist – außer im Falle von Selbstgesprächen (Selbstkommunikation) – ist dieser Handlungskontext ein sozialer Interaktionsprozeß (soziale Interaktion) mit einem spezifischen Kommunikationsverlauf (Kommunikation). Die einzelne sprachliche Äußerung hat drei Funktionen: 1) Der Sprecher drückt in der Äußerung etwas über sich selbst als Person, über seine Intentionen und über sein Wissen und seine Einstellung zum Inhalt der sprachlichen Äußerung und zum Gesprächsthema aus. 2) In der sprachlichen Äußerung ist ein spezifischer Inhalt mit Sprache enkodiert bzw. dargestellt. 3) Gegenüber dem Hörer hat die sprachliche Äußerung eine Appellfunktion: Sie soll ihn bspw. informieren, motivieren, überzeugen oder auch einfach nur unterhalten (Organonmodell).

Die physiologischen Prozesse beim Sprechen werden von den Sprachzentren im ZNS gesteuert: Broca-Zentrum, Wernicke-Zentrum, Frontallappen, Temporallappen (vgl. auch biologische Grundlagen der Sprachentwicklung). Die eigentliche Lauterzeugung besteht zum einen aus dem Lautstrom (Phoniation) und zum anderen aus der Artikulation. 1) Bei der Phoniation werden mit Hilfe der Ausatemluft die gespannten Stimmlippen im Kehlkopf zum Schwingen gebracht. Dabei entsteht ein undifferenzierter Grundton. Aus diesem Grundton werden im Artikulationsprozeß die Laute und Wörter geformt. 2) Am Artikulationsprozeß ist der gesamte Körper, die Körperhaltung und der Muskeltonus beteiligt, um einen optimalen Resonanzraum zu bilden. Die Bildung der Laute erfolgt im sog. Ansatzrohr, dem gesamten Hohlraum oberhalb des Kehlkopfes: Luftröhre, Rachen, Mundraum bis zu den Lippen, Nasen und Nasennebenhöhlen. Das Ansatzrohr läßt sich in der Länge und im Volumen variabel einstellen bspw. durch Heben und Senken des Kehlkopfes oder durch Bewegen der Zunge und des Unterkiefers. So können aus dem Luftstrom unterschiedliche Tonhöhen und Klänge erzeugt werden. Mit Hilfe von Zunge und Lippen werden die einzelnen Laute – Phoneme – gebildet (Phonetik, Phonologie).

Die psychischen Prozesse beim Sprechen stützen sich auf die mentale Repräsentation von Wissen, Können und Sprache. Das kognitive Steuerungssystem beim Sprechen (Kognition) – das Sprachproduktionssystem – greift auf diese mentalen Repräsentationen zurück. Man kann es sich vorstellen als ein hierarchisch gegliedertes Gefüge von miteinander verbundenen Teilsystemen. Durch die Parallelität der Tätigkeit erfolgen diese Regulationsprozesse in den Hilfssystemen sehr schnell.

Die drei Teilsysteme der Sprachproduktion funktionieren als hierarchisch gegliederte Regulations- und Kontrollsysteme, wobei das Teilsystem Zentrale Kontrolle jederzeit steuernd in beide untergeordnete Teilsysteme eingreifen kann. Die Steuerung durch die Zentrale Kontrolle richtet sich nach der konkreten Kommunikationssituation und nach den spezifischen Wissens- und Könnensressourcen des Sprechers. Es lassen sich vier Arten der Steuerung des Sprechens unterscheiden: 1) Bei der Schema-Steuerung aktiviert das Teilsystem Zentrale Kontrolle ein Schema, welches Wissen über das Wie des Sprechens und über bestimmte Klassen von Themen in bestimmten Klassen von Situationen enthält. 2) Bei der Reiz-Steuerung entscheidet die Zentrale Kontrolle, daß – im Kontext eines Gesprächs – ausschließlich Äußerungen des Gesprächspartners als Ausgangspunkt für eigene Äußerungen dienen. Es werden dann vom Sprecher nur einfache Antworten gegeben. Das Gespräch wird nicht durch die Einführung eigener Gesichtspunkte weitergeführt. Beispiele: “Guten Tag.” – “Guten Tag.” “Finden Sie nicht auch, daß die Musik etwas zu laut ist?” – “Ja, die Musik könnte wirklich etwas leiser sein.” 3) Die Ad-hoc-Steuerung des Sprechens setzt ein, wenn im konkreten Gespräch einfache Antworten, wie bei der Reiz-Steuerung, nicht genügen und auch ein passendes Schema, für eine Schema-Steuerung, nicht zur Verfügung steht. In diesem Fall verbleibt die Sprechplanung bei der Zentralen Kontrolle. 4) Die vierte Art der Steuerung des Sprechens steuert die Übergänge von einer der drei o.a. Steuerungsarten in eine andere. Diese Steuerung der Übergänge ist gerade bei längeren Gesprächsverläufen oft erforderlich.

Dem Sprechen liegen also – in der Tätigkeit und dem Zusammenwirken der einzelnen Teilsysteme des Sprachproduktionssystems – sehr komplexe, kognitive Steuerungsprozesse zugrunde. Das Gesamt dieser Steuerungsprozesse wird in der Sprechwissenschaft oft auch als Sprechdenken bezeichnet. Dieses Sprechdenken ist nicht nur für die Theorie des Sprechens bedeutsam, sondern auch für die Praxis. An der Verbesserung des individuellen Sprechdenkens wird zum einen in der Sprachtherapie und zum anderen in Schulungen zur rhetorischen Kommunikation (Sprecherziehung) sehr oft gezielt gearbeitet.

Literatur

Allhoff, D.-W. & Allhoff, W. (1994). Rhetorik und Kommunikation: Ein Lehr- und Übungsbuch zur Rede- und Gesprächsrhetorik (10. Aufl.). Regensburg: bvs, Bayerischer Verlag für Sprechwissenschaft.

Fiukowski, H. (1992). Sprecherzieherisches Elementarbuch (5. Aufl.). Tübingen: Niemeyer.

Herrmann, Th. & Grabowski, J. (1994). Sprechen: Psychologie der Sprachproduktion. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.


 
     
 
 
     
 
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