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Fetisch

 
     
   
eigentlich »das Gemachte«, ein Objekt, dem so etwas wie eine Zauberkraft zugesprochen wird. In Naturreligionen erklärt man einen Stein, einen Baum, eine Wurzel oder dergleichen zum Fetisch, den man wie einen Gott verehrt. Man glaubt, daß er ein »Mana« ausstrahle und erlebt wirklich den Einfluß dieser Macht. Diese Macht geht aber nicht von dem Fetisch aus, sondern von den Gefühlen und Vorstellungen, die man an ihn geheftet hat. Der Fetisch wirkt wie ein Hohlspiegel, der verstärkt und gebündelt die Strahlen zurückwirft, die er empfing. Der religiöse Fetischismus gab seinen Namen ab an eine Erscheinungsform menschlicher Sexualität, die bei manchen Männern das ausschließliche Interesse an sich zieht und damit zur Perversion wird. Dann löst nicht mehr eine Frau als ganze Person den sexuellen Reiz aus, sondern nur ein bestimmter Körperteil, zum Beispiel das Haar, der Busen, der Fuß usw. Oft geht die Ablenkung noch weiter, und das Interesse wird auf ein Kleidungsstück konzentriert, auf Hemden, Schlüpfer, Schuhe, oder auf Gebrauchsgegenstände wie die Haarbürste. Das Objekt der Fixierung kann auch eine Situation sein, ein Zustand wie Kälte, oder eine Vorstellung wie »Exotik«. Andeutungen von Fetischismus finden sich in der individuellen erotischen Einstellung beinahe jeden Mannes. Sie beruhen ebenso wie die perversen Ausprägungen auf frühen Eindrücken, die oft längst unbewußt geworden sind, sodaß die Wichtigkeit des Fetisch unerklärlich zu sein scheint. Diese persönlichen Erfahrungen werden von so vielen Menschen gemacht, daß gewisse erotische Fetische eine allgemeine Bedeutung erlangen. Manche von ihnen bietet eine Mode als vorgefertigte Idole an, so daß sich die verschiedensten Gefühle auf sie projizieren lassen. Auch die individuelle Fixierung auf einen Fetisch ist nicht einheitlich. Es werden in ihm höchst widersprüchliche Regungen gesammelt. Es ist geradezu seine Funktion, daß er Konflikte scheinbar auflöst und ihre Existenz verschleiert. Deshalb kann die Fixierung auch relativ leicht auf einen irgendwie ähnlichen Fetisch überströmen, zum Beispiel vom Gegenstand »Schuh« auf das Material »Leder«. Die Verehrer eines Fetischs wissen nicht, was sie in ihm verehren. Das gilt aber auch für Fetische außerhalb des sexuellen Bereiches. Typisch dafür ist die Verehrung der Fahne, die für das Vaterland, seinen Herrscher oder Führer, für den Krieg, für das Regiment, für den Sieg, aber auch für den Heldentod steht. Sie zeigt oft Symbole, die ebenso vieldeutig sind. Die Kraft der Gefühle, die sich an sie geheftet haben, war oft so groß, daß man jedes Risiko in Kauf nahm, um eine Fahne zu retten, und völlig vergaß, daß sie doch nur ein Stück Tuch ist. Auch Menschen werden zu Fetischen; das heißt, sie gelten nicht wegen dessen, was sie sind, sondern repräsentieren eine Vorstellung. Das galt einst vor allem für Staatsmänner, für manche Künstler und Forscher oder für Helden. Heute üben diese Funktionen mehr noch die Stars des Films, des Fernsehens und des Unterhaltungswesens aus. Geschichtliche Persönlichkeiten wie Johanna von Orleans oder auch Casanova haben sich in unserer Vorstellung fast völlig von ihrer realen Biographie gelöst, und wir sehen sie in der Strahlkraft ihrer Legenden. Fiktion, eine Erfindung, die bis zu einem gewissen Grade wie eine Realitätbehandelt wird. Sie geht auch auf eine Art Wirklichkeit zurück, die Wirksamkeit unserer Wünsche und Ängste. Wie immer bedient sich die Phantasie hier realer Erfahrungen, mit denen sie die Fiktion so ausstattet, daß sie der Wirklichkeit ähnelt und sie vortäuscht. Diese Vermischung gestattet den Eindruck, daß die Realität so bunt, so überschaubar und so unseren gefühlsmäßigen Bedürfnis sen entsprechend ablaufen könnte wie in der Phantasie. Derartige Fiktionen liegen den Mythen, Märchen, Dichtungen, vielen anderen Kunstschöpfungen und dem Theater wie dem Film zugrunde. Auch das Spiel wird oft von einer Haltung des »als ob« beherrscht. Das Prinzip »als ob« hat Philosophien und Religionen beflügelt. Es läßt sich auch in der Sitte erkennen. Wenn wir vor jemandem den Hut ziehen, tun wir so, »als ob« wir ihm Verehrung schulden, auch wenn wir ihn alles andere denn ehrenwert finden. Hier nähert sich die Fiktion der Heuchelei, und doch ist ein gewisses Maß an »Höflichkeit« im mitmenschlichen Umgang unentbehrlich. Wir kommen ohne Fiktionen nicht aus: »Es geht überhaupt nicht ohne Hilfskonstruktionen« (Theodor Fontane). Nur sollten wir uns immer wieder über den Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit klar werden können.
 
     
 
 
 
     
 
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