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Perversion

 
     
   
»Verkehrtheit«, fast nur in Beziehung zum sexuellen Verhalten und Empfinden. Was als pervers gilt, hängt von der Norm ab, die man zum Maßstab wählt, und davon, bis zu welchem Grade man Abweichungen von diesem Standard noch hinzunehmen bereit ist. Dabei verquickt sich eine Vorstellung davon, was natürlich sei, mit dem Bezug auf das, was jeweils der Sitte entspricht. Freud bezeichnete als »pervers« alle Tendenzen und Handlungen, die nicht auf die Geschlechtsvereinigung (Koitus) gerichtet sind. Anders als seine Vorgänger sah er jedoch in ihnen an sich nichts Krankhaftes. Vielmehr wies er nach, daß diese Tendenzen in jedem Menschen angelegt sind. Als Partialtriebe der Sexualität erwachen sie in den Phasen der frühkindlichen Entwicklung, treten später unter dem Genital-Primat in den Dienst der Geschlechtsvereinigung und tragen zur Vorlust bei. Oft wer den sie verdrängt und können dann zum Anlaß neurotischer Symptome werden. Manchmal wird ein Teil ihrer Kraft sublimiert oder sonst auf nicht offenkundig sexuelle Befriedigungen verlagert. Nur wenn sie sich übermäßig stark entwickeln, so durch die starke Hemmung anderer Tendenzen, werden sie zum Mittelpunkt einer krankhaften Sucht, einer Perversion im engeren Sinne. Eine derart gehemmte, einseitig fixierte Sexualität mag »auf halbem Wege« stehenbleiben. Das gilt für die Bevorzugung der oralen und der analen Lust, für die Beschränkung auf die Schaulust ( Voyeurism us) und die Entblößungslust (Exhibitionismus). Ein solcher Verzicht kann jedoch auch Sitte werden, wie dies beim Petting geschah, dem Austausch körperlicher Liebkosungen, wie er vor etwa drei Jahrzehnten den Jugendlichen zugebilligt wurde, um einen vorehelichen Koitus zu vermeiden und die äußere Jungfräulichkeit der Mädchen bis zur Hochzeit zu erhalten. Hierbei wird auch die Bedeutung sogenannt perverser Handlungen als Ersatz für das jeweils Unerreichbare oder Verbotene deutlich. Ist die normale Sexualität unzugänglich, kann der Ausweg in eine andere Richtung auch nicht als krankhaft angesehen werden. Das gilt entsprechend für Tendenzen, die sich auf einen »falschen Partner« richten. In diese Gruppe gehört die Homosexualität, die Pädophilie (sexuelle Liebe zu Kindern), die Zoophi lie (Sexualbeziehung zu Tieren) und der Narzißmus (Selbstverliebtheit, Autoerotik). Kinder und Jugendliche bis weit in die Adoleszens hinein sind von Sexualkontakten zu anderen so sehr abgeschnitten, daß die Selbstbefriedigung nahezu unvermeidlich wird. In Gefangenschaft und Einsamkeit wird ein Mensch des eigenen Geschlechtes oder sogar ein Tier als Sexualpartner angenommen. Die scharfe Verurteilung solcher Kontakte trat erst seit dem Siegeszug des Christentums ein, das die Sexualität nur im Zusammenhang mit der Fortpflanzung und nur im Rahmen der Einehe für erlaubt hielt. Im Altertum, vor allem im antiken Griechenland, war die Homosexualität durchaus Sitte, ja ein wichtiger Bestandteil der Kultur. Zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern kann sich darüber hinaus auch eine Liebesbeziehung entwickeln. Damit unterscheidet sich die Homosexualität wesentlich von den suchthaften Perversionen, die ichbezogen sind und eine eigentliche Partnerschaft fast unmöglich machen. Dies wird am deutlichsten bei den Tendenzen, die ein »falsches Gefühl« einschließen. Beim Sadismus und Masochismus tritt an die Stelle der Liebe die Unterwerfung, an die Stelle der Lust das Leiden. Andere Deviationen kehren die Hemmungen, die die Erziehung gesetzt hat, gleichsam um; hier wird die Lust in der Überwindung der Scham und des Ekels gesucht. Daran zeigt sich wiederum der Anteil, den die Kultur mit ihrer Einschränkung des Triebhaften an den Auswegen des sogenannt Perversen hat. Da es alle Formen der Perversion schon bei den Naturvölkern gab, kann man sie nicht als Folge einer Dekadenz sehen, wie dies noch der Wiener Psychiater Richard von Krafft-Ebing in der ersten wissenschaftlichen Darstellung der Perversionen, der »Psychopathia Sexualis« 1886 tat. Sie sind ein Gegenstück zu der Prägung, aus der das normale, d. h. übliche Verhalten und Empfinden hervorgeht. Ebenso wie diese Norm sind sie zugleich das Gegenteil der »polymorph-perversen« Grundanlage, mit der der Mensch auf die Welt kommt. Das kleine Kind ist noch nicht auf die genitale Sexualität ausgerichtet, für sie noch nicht reif. Es sucht seine Lust noch auf allen denkbaren Wegen. Wird es durch Erziehung und Erfahrung nicht oder doch nicht ausreichend geprägt, kann diese polymorph-perverse Anlage erhalten bleiben. Dann sucht auch der Erwachsene Lust auf jede Art, ohne eine davon zu bevorzugen. Im Normalfall verstellt die Erziehung alle Wege, die nicht von der Sitte gebilligt werden. Im Fall einer einseitig fixierten Perversion sind gerade diese Wege blockiert worden, und die sexuelle Triebkraft (Libido) bricht an einer »falschen Stelle« durch. Die Fixierung auf einen engen Bereich erscheint am deutlichsten beim Fetischismus. Hier wird mit dem Körperteil, dem Gegenstand oder der Situation, auf die alles Interesse ge richtet zu sein scheint, eine Vorstellung verbunden, die aus dem frühen Erleben stammt (vgl. Trauma), die aber auch eine allgemeinere, symbolische Bedeutung hat. Die Sehnsucht gilt eigentlich der Verwirklichung einer Phantasie. Etwas von dieser letztlich geistigen Verwandlung des Sexualtriebes findet sich in jeder fixierten Perversion: »Es ist hier ein Stück seelischer Arbeit geleistet, der man trotz seines greulichen Erfolges den Wert einer Idealisierung des Triebes nicht absprechen kann. Die Allgewalt der Liebe zeigt sich vielleicht nirgends stärker als in diesen ihren Verirrungen« (Freud). Tatsächlich finden sich unter denen, die infolge einer inneren Entwicklung nur in abartigen Formen ihre sexuelle Befriedigung finden, viele begabte und in anderen Lebensbereichen tüchtige Menschen. Meist bleiben sie unauffällig. Sie suchen einverstandene Partner, allenfalls in der Prostitution, oder beschränken sich auf die Selbstbefriedigung, oft mit Hilfe der Pornographie oder stimulierender Gegenstände nach Art der Fetische. Sind die Einschränkungen des Gesetzes zu eng, wird es unter Triebdruck auch zu Gesetzesübertragungen kommen. Ernsthaft gefährlich werden nur solche Perverse, die nicht nur in ihrer sexuellen Entwicklung schwer gestört worden sind. Unter ihnen sind ungeprägte, schwache und geistig beschränkte Personen am häufigsten. Das Problem der Perversion liegt also nicht in einer Abweichung an sich, sondern an deren Maß. Vieles, was man pervers nennt, wird so nur eingeschätzt, weil eine repressive (unterdrückende) Moral die Norm zu eng gefaßt hat. In manchen Entlastungssitten muß dann das Verbotene doch wieder freigegeben werden, oder es äußert sich in Protesthandlungen vom Typ der Orgie. In der Kunst, in Sagen und Märchen, in Träumen und Spielen, vor allem aber in der Pornographie darf die Phantasie vieles genießen, was in der Realität ausgeschlossen bleibt. Die Verbote reizen zur Rebellion, und die Neigung zu einzelnen perversen Handlungen (Perversitäten) wird nicht zuletzt vom Reiz des Verbotenen beflügelt. Aus allen diesen Gründen treten heute viele Psychologen und Soziologen dafür ein, die sexuellen Sonderformen von dem moralischen Vorwurf zu befreien, der sich an das Wort »Perversion« geheftet hat. Sie ziehen die wertfreie Bezeichnung »Deviation« (Abweichung) vor. Sie wollen all denen, die ihre Befriedigung innerhalb des Üblichen nicht finden können, das Recht auf sexuelle Erfüllung sichern, soweit dadurch nicht andere unfreiwillig geschädigt werden. Sozial gesehen ist das berechtigt. Doch läßt sich nicht verkennen, daß der eng auf bestimmte Deviationen fixierte Mensch psychisch krank ist. Er steht unter einem Zwang, unter dem er selbst oft genug leidet, und von dem er sich doch nicht befreien kann. Er findet kaum je zu einer auch persönlich bedeutsamen Partner schaft. Nur wenn er sie eingehen kann, wird die sexuelle Fixierung ihre Vormacht verlieren. Aber anders als die Neurose, die als »Negativ der Perversion« den bewußt sexuellen Genuß wesentlich beeinträchtigt, erlaubt die Perversion so viel Befriedigung, daß der Betroffene daran festhalten möchte und nicht nach einer Heilung verlangt. Deshalb ist die Perversion der Psychotherapie kaum zugänglich, und die Erfolge, deren sich die Verhaltenstherapie (Behaviorismus) rühmt, sind recht zweifelhaft. Zur perversen Fixierung kommt es hauptsächlich bei Männern. Frauen können sich zwar abartigen Wünschen von Männern oft leicht anpassen, aber von sich aus entwickeln sie selten eine Fixierung. Dazu trägt bei, daß für sie die Phantasie eine weniger große Rolle spielt. Vor allem aber ist ihre Entwicklung weniger einheitlich geprägt, und so erhält sich öfter die polymorph-perverse Anlage des Kindes, die dann bei der erwachsenen Frau angesprochen oder von der Dirne sogar »ausgebeutet« werden kann. Allgemein gehen heute die Fixierungen zurück; die Neigung zu verschiedenen Deviationen nebeneinander nimmt zu. Das krasse Gegenteil zur Perversion ist die Prüderie, eine Haltung also, die jede sexuelle Lust ablehnt und oft genug zur Verfolgung alles Sexuellen führt. Die sexuelle Freiheit liegt zwischen Ausschweifung und Askese.Sexual verhalten, das von den im Sinne der Durchschnittsnorm (Norm) normalen Wegen der Befriedigung abweicht. Im weiteren Sinn alles sexuelle Verhalten, das andere orgastische Möglichkeiten sucht als den Geschlechtsverkehr zwischen zwei Personen verschiedenen Geschlechts und erwachsenen Alters. Daraus wird klar, daß der Perversionsbegriff stark von sozialen Normen geformt wird; homosexuelles Verhalten galt zum Beispiel in der Antike als normal, wird aber in Westeuropa vielfach als pervers eingeschätzt. Von einer krankhaften Perversion sollte man nur sprechen, wenn das Interesse an einer gesellschaftlich abgelehnten, ja mit Strafe bedrohten Sexualbefriedigung wie in einer Sucht festgehalten wird und kein Ausweichen auf andere Befriedigungsmöglichkeiten gegeben ist. Fetischismus, Masochismus, Sadismus.
 
     
 
 
 
     
 
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