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Masochismus

 
     
  die Lust an Leiden und Unterwerfung. Den Namen prägte der Wiener Nervenarzt Richard Freiherr von Krafft-Ebing nach seinem Zeitgenossen, dem Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch (t 1895), der in einigen seiner Romane (zum Beispiel »Venus im Pelz«) beschrieben hatte, wie Männer nach der Grausamkeit eines geliebten Weibes förmlich hungern können. Aber wie es bei de Sade neben der Lust, andere leiden zu machen, auch die Wonne des eigenen Leidens gibt, so hatte Sacher-Masoch neben seinen »masochistischen« auch deutlich »sadistische« Tendenzen. Sadismus und Masochismus gehören immer zusammen, sind ähnlich wie Exhibitionismus und Voyeurismus die beiden Seiten ein und derselben Triebkonstellation. Niemals gibt es das eine ohne das andere, wenn auch meist entweder die passive Ausdrucksform, eben der Masochismus, oder die aktive, der Sadismus, vorherrscht. In einigen Fällen verschmilzt beides untrennbar ineinander. Es wird gleichsam kurzgeschlossen, wenn ein Autosadist sich selbst mißhandelt und als Automasochist unter seinen eigenen Peinigungen leidet. Diese Zusammengehörigkeit suchte Schrenck-Notzing mit dem Wort »Algolagnie«, »Schmerzwollust«, auszudrücken. Aber die Lust am eigenen oder fremden Schmerz ist keineswegs das allgemeine Kennzeichen des, wie man heute manchmal sagt, Sadomasochismus. Nach psychoanalytischer Auffassung stellt der Sadomasochismus eine Wirkung zwischen den lebenserhaltenden Trieben, dem Eros, und dem Destruktions oder Todestrieb dar. Im erotischen Masochismus wird dieses Mischungsverhältnis besonders deutlich. Der masochistische Mann will mit seinem Leiden gleichsam im voraus für die sexuelle Lust bezahlen, die er unbewußt als verboten und sündig betrachtet. Die Moral hat ihm ein Schuldgefühl eingepflanzt, aus dem ein Strafbedürfnis entsteht, das nun in einer sexuell gewordenen Handlung befriedigt wird. In seiner Unterwerfung erwartet er, von der Frau zu sexuellen Akten gezwungen zu werden, die er ihr freiwillig nicht zumuten würde; als »Sklave« erwirbt er so keine neue Schuld. Die alte Vorstellung von der sexuellen Unantastbarkeit der anständigen Frau liegt auch im Hintergrund des weiblichen Masochismus. Ein Weib, das von einem Manne unterworfen wird, kann ja nicht umhin, ihm sexuell dienstbar zu werden. Die sexuelle Schuld vermeidet die Frau scheinbar auch, wenn sie von sich aus die Unterwerfung sucht. Für beide Geschlechter liegt im erotischen Masochismus der Wunsch nach Passivität und Hingabe. Auch wird die Lust zur Grausamkeit, die Schuld einbringen würde, wenn man ihr ak tiv nachgeben wollte, scheinbar von jedem Vorwurf befreit, wenn man das Leiden auf sich selbst herabzieht. Wie andere vor ihm hat auch Freud den Masochismus zunächst als abgeleitete Tendenz verstanden, als Reaktionsbildung auf die aktive Grausamkeits und Zerstörungslust (Sadismus), die als schuldvoll und für die Einordnung in die Gemeinschaft schädlich erlebt worden sei, so daß die Destruktion auf die eigene Person abgelenkt wurde. Später hat er genau umgekehrt den Destruktionstrieb als ursprünglichen Todestrieb aufgefaßt. Diese Neigung zur Selbstzerstörung würde nun von den lebenserhaltenden Trieben dadurch gehemmt, daß die Destruktion nach außen gewandt wird: aus dem Masochismus wird erst Sadismus. Der erotische Masochismus, der sich in vielerlei Formen äußert und zum beherrschenden Antrieb des gesamten sexuellen Lebens werden kann, zur Perversion also, ist nur der auffälligste Ausdruck für den Wunsch nach Leiden und Unterwerfung. Auch ein Unfall, den man auf sich herabzieht, kann eine unbewußte Selbstbestrafung für verbotene Handlungen und Wünsche sein. Die sogenannten Unfäller, also Menschen, die immer wieder Unfälle unbewußt-absichtlich erleiden, wollen zugleich Schonung, Fürsorge und passive Liebe erzwingen. Ähnliches gilt für die Entstehungsgeschichte vieler psychosomatischer Krankheiten. Als masochistisch in einem weiten Sinne kann man auch die Menschen bezeichnen, »die am Erfolge scheitern«, weil irgendein unbewußtes Schuldgefühl ihnen verbietet, an das letzte Ziel ihres Ehrgeizes zu gelangen. Der »politische« Masochismus des typischen Untertanen, der sich nur sicher fühlt, wenn die Herrschenden sozusagen die Peitsche schwingen, ist wiederum so gut wie immer deutlich mit einem Sadismus gekoppelt, den er an noch weniger Mächtigen oder an Mitgliedern einer Feindgruppe austoben will. Hier hat die autoritäre Persönlichkeit ihre Wurzeln, die im Zeitalter des Faschismus so auffiel. Früher nannte man diesen Typ »Radfahrer«, weil er »nach oben buckelt und nach unten tritt«. Masse, eine ungegliederte Menge von Menschen, im deutlichen Unterschied von einer Gruppe oder einer Gemeinschaft. Die Bildung einer »aktuellen« d. h. unmittelbar sichtbaren Masse läßt sich bei Aufläufen beobachten, wie sie anläßlich eines Straßenunfalls oder dgl. entstehen. Dabei verschwimmen die persönlichen Züge der Einzelnen in der Masse. Das intellektuelle Niveau wird herabgesetzt, die Gefühle werden freigesetzt, die kulturellen (anerzogenen) Hemmungen schwinden. Noch stärker zeichnet sich dieser Wandel ab, wenn der Anlaß zur Massenbildung wesentliche Interessen der Einzelnen in der Gesellschaft berührt, so etwa beim Lynchen als massenhafter Selbstjustiz gegen einen (vermeintlichen) Verbrecher, aber auch bei Streiks oder politischen Demonstrationen. Massen können spontan entstehen, sie können aber auch durch eine vorbereitete Veranstaltung angezogen werden, wie bei den Massen-Versammlungen politischer Parteien, bei populären Konzerten oder bei Fußballspielen. In allen diesen Fällen wird der Einzelne viel leichter beeinflußbar, als er es für sich oder in einer Gruppe wäre. Er ist eher bereit, zu jubeln oder aggressiv zu werden. Solche Massen verfallen rasch wieder. Viele der Einzelnen, aus denen sie sich zusammengesetzt haben, mögen sich hinterher schämen, daß sie für die Massen-Suggestion so anfällig waren. In Massen solcher Art wird aber nicht nur die übliche Moral weitgehend außer Kraft gesetzt, es wird auch die Hingabe-Bereitschaft verstärkt. Massen sind bereit, sich zu opfern, wie die Soldaten, die sozusagen mit wehenden Fahnen in eine Vernichtungsschlacht rennen. Diese Erkenntnisse hat als erster der Franzose Gustave Le Bon in seinem Werk »Psychologie der Massen« 1895 formuliert. Er ging dabei vor allem von Erfahrungen in revolutionären Situationen aus. Seine Einsichten waren offenkundig sehr einflußreich auf die Massenpsychologie, die Adolf Hitler in »Mein Kampf« vortrug, nicht ohne dabei seine Verachtung für die Masse zu zeigen, die ihm doch seine Erfolge erst ermöglicht hat. Hitlers Einsicht in die »Massenseele« ist so frappierend, daß einige Autoren den Schluß gezogen haben, Hitler müßte auch die Massenpsychologie von Sigmund Freud gekannt haben, was mehr als unwahrscheinlich ist. Freud ging in zwei Richtungen über Le Bon hinaus. Einmal führte er die kaum greifbare Suggestion auf die Wirkung eines Anführers zurück. Tatsächlich wird eine Masse ja meist erst unter dem Ansporn eines Agitators oder Demagogen aktiv. Den Verlust der individuellen Persönlichkeit in der Masse und die Überwindung anerzogener Gewissensskrupel erklärte Freud damit, daß die Einzelnen in der Masse den Führer an die Stelle ihres Über-Ich setzen. Hier geschieht dasselbe, was sich zwischen einem Hypnotisierten und seinem Hypnotiseur abspielt; so nannte Freud die Hypnose eine »Masse zu zweit«. Wenn der Einzelne in der Masse Unrecht tut, meint er, daß er dies nicht mehr selbst zu verantworten hat, sondern der Führer als Delegierter seines Gewissens. Die Beteuerungen der persönlichen Schuldlosigkeit, die Hitlers Gefolgsleute nach dem Zusammenbruch seines Regimes nahezu einhellig und fast gleichlautend abgaben, bestätigen diesen Prozeß. Zugleich verspricht der Führer der Masse Schutz. Dieses Versprechen steigert den Mut. Er stellt sich als jemand hin, der alle Mitglieder der Masse gleichermaßen liebt. In dieser Gleichberechtigung lieben sich die Mitglieder der Masse auch untereinander. Ihre Gegengefühle werden als Haß nach außen, zum Beispiel auf eine Feindgruppe, abgelenkt. Soweit eine Masse unter ihrem Führer gegen zur Zeit herrschenden Regeln der Gesellschaft angeht, könnte man sie als Bruderschaft verstehen, die gegen die Herrschaft eines Vaters rebelliert, wie das nach Freud am Beginn der Totem-Gesellschaft geschehen ist. Ist die Herrschaft des Führers etabliert, verwandelt er sich aus einem Anführer der Brüder wieder in eine Vatergestalt. Freud hat weiter die Erscheinungsformen bei spontanen, unorganisierten Massen mit der Struktur »künstlicher Massen« verglichen. Als Beispiel für Massen-Organisationen untersuchte er näher das Militär und die (katholische) Kirche. Sie unterscheiden sich von den spontanen Massen durch ihre Dauerhaftigkeit und eine Gliederung, mit der gewisse Schwächen einer unorganisierten Masse aufgewogen werden können. Aber auch in diesen künstlichen Massen, zu denen man heute auch eine Massen oder sogenannte Volks-Partei zählen würde, geht der entscheidende Einfluß von einem Führer oder einer Führerschicht aus. An ihre Stelle kann eine Idee treten, die aber zumeist eben doch von Führern verkörpert wird. Es ist auch nicht der intellektuelle Gehalt der Idee, der zählt, sondern die Emotionen, die mit ihr angesprochen werden. Eine Ideologie ist ja fast immer so vieldeutig, daß sie verstandesmäßig kaum erörtert werden kann; sie ist ein Glaube, eine Religion oder Ersatz-Religion.

Führer und Glaube versprechen gleichermaßen Schutz und Liebe, lenken gleichermaßen Haßgefühle von der Gemeinschaft auf andere ab. Auch künstliche Massen beruhen auf der Identifikation ihrer Mitglieder miteinander und auf einer teilweisen Übertragung des eigenen Ichs auf den oder die Führer. Auch in ihnen gilt die Person wenig, das Argument kaum, und entscheidend sind die Gefühle, deren man sich nicht einmal bewußt wird. Die moderne Soziologie spricht außerdem von »latenten Massen«. Damit ist jeweils eine unbestimmte Vielzahl von Menschen gemeint, die gleichartigen Einflüssen unterliegen. Solche Einflüsse bewirken zum Beispiel die modernen Massenmedien. Aber nicht erst sie machen unsere Gesellschaft zu einer »Massengesellschaft«. Diese Entwicklung geht vielmehr auf Lebensbedingungen zurück, unter denen immer mehr Menschen unmittelbar zusammenwirken, und die auf immer größere Schichten gleichartig einwirken. So verschwimmen Klassen, und Schichtunterschiede, die Gesellschaft wird »egalitär«. Wegen der Bedeutung der großen Zusammenschlüsse bei der Arbeit (vgl. Betriebspsychologie), im Wohnbezirk (vgl. Großstadt), bei den Beschäftigungen in der Freizeit wird der Raum einer individuellen Lebensgestaltung und Entwicklung immer mehr beschränkt. Der Verlust persönlicher Beziehungen trägt entscheidend zum Gefühl der Entfremdung bei. Der Einzelne kann sich nicht mehr an anderen Einzelnen orientieren, auch nicht an Führerpersönlichkeiten, sondern nur noch an anderen Mitgliedern der Masse, zu der er jeweils gehört (Außenlenkung). Das Problem der Masse und der Vermassung hat viele moderne Denker beschäftigt: Oswald Spengler, Jose Ortega y Gasset, David Riesman. Oft hat man dabei den Eindruck, als »Masse« würden stets nur die anderen aufgefaßt, oder speziell die Menschen der Unterschicht, oder etwa die Bewohner der Großstadt. In Wahrheit ist nahezu jedermann durch die Aussicht verführbar, in einer Masse sein Ich zu verlieren, sein Gewissen zu entlasten, von den Fragen seines Verstandes befreit zu werden und seinen Gefühlen freieren Lauf geben zu dürfen. Erst wenn man diese Verführbarkeit erkannt hat, kann man ihr widerstehen.Im engeren Sinn sexuelle Anomalie, bei der Erregung und Orgasmus vorwiegend oder ausschließlich in Situationen zustande kommen, in denen der Masochist erniedrigt, getreten, geschlagen wird, wobei die Partnerin oder der Partner noch besondere Kennzeichen aufweisen sollen (Lederbekleidung, Peitsche, hohe Stiefel, Lehrerinnen- oder Offiziers-Habitus). Im weiteren Sinn selbstschädigende und selbstzerstörerische Neigungen allgemein, die oft in der Kindheit entstehen, zum Beispiel dadurch, daß die Eltern dem Kind, das sich weh getan hat, Zuwendung geben und das fröhliche Kind ablehnen («Die Vögel, die in der Frühe am lautesten singen. ..»). Ein solches Verbot, sich zu freuen und glücklich zu sein, kann dazu führen, daß der Betroffene immer wieder Situationen, in denen er glücklich sein könnte, abbricht oder von vornherein vermeidet. Ursachen des Masochismus im weiten Sinn ist ein sehr strenges Über-Ich, das zu einem Strafbedürfnis führt («Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen»). Depression.
 
     
 
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