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Krankheit

 
     
  angeborene oder erworbene ernsthafte Störung der Lebensfunktion, manchmal mit bleibender Verbildung. Zwischen Gesundheit und Krankheit gibt es keine scharfe, eindeutige Grenze. Im allgemeinen wird eine Störung erst dann als Krankheit angesehen, wenn sie die Arbeitsfähigkeit, die Genußfähigkeit und die mitmenschlichen Beziehungen schwer beeinträchtigt. Es gibt rein psychische Krankheiten ohne körperliche Ursache, obwohl auch sie die äußere Aktivität meist stark hemmen und manche von ihnen einen körperlichen Schmerz auslösen. Es gibt wahrscheinlich keine Krankheit, die nicht auch seelisch bedingt wäre. Aber nur bei einigen ist ihr psychosomatischer Charakter heute nahezu allgemein anerkannt. Einige Krankheiten lassen sich als Ausdruck eines seelischen Konfliktes verstehen. Nicht nur in der »klassischen« Hysterie stellen die Symptome einen Kompromiß der widerstreitenden Tendenzen dar und scheinen so eine Lösung zu bieten. Mit der Krankheit kann man sich von Aufgaben zurückziehen, denen man sich nicht mehr gewachsen fühlt. Manchmal ist die Krankheit, oder auch ein Unfall, das Ergebnis einer unbewußten Absicht; dann stillt das Leiden ein unbewußtes Strafbedürfnis, das einem unbewußten Schuldgefühl folgt. Oft ist die Krankheit ein Appell an die Mitmenschen, ein Ruf nach ihrer Rücksicht, Pflege, Fürsorge und Liebe. So bringt das Leiden einen »sekundären Krankheitsgewinn« (Freud), sekundär, weil er zu dem Ausdruck des verursachenden Konfliktes hinzutritt. Oft allerdings isoliert man sich durch eine Krankheit erst recht. Das gilt heutzutage mehr denn je, weil die Krankheitspflege so oft aus der Familie in das gefühlsarme, abgesonderte Milieu eines Krankenhauses verlegt wird (vgl. Hospitalismus). Früher war auch die gefühlsmäßige Beziehung zum Arzt als Hausarzt viel enger, und man konnte sagen, er sei durch seine persönliche Wirkung sein bestes Medikament. Heute wird der Kassenarzt oft nur noch als Pillenverschreiber, der Facharzt als eine Art Spezialingenieur für Körperteile erlebt. Die Anforderungen der modernen Leistungsgesellschaft sind im beruflichen Wettbewerb oft derart, daß man nicht krank zu werden wagt, die Störungen irgendwie übertönt, sich mit ihnen heimlich hinschleppt, sie immer gefährlicher anwachsen läßt, bis man dann vor einer sehr schweren Krankheit vielleicht für immer kapitulieren muß. Man gönnt sich nicht die Pause, die eine »kleine« Krankheit verschaffen kann, und die Pflege, die daraus folgen mag. Dafür zahlt man am Ende mit erzwungener Untätigkeit. Der Dissimulant, der seine Krankheit nicht wahrhaben will, verhält sich ebenso unvernünftig wie der Hypochonder. Übrigens liege sich wohl auch eine Weltgeschichte der Krankheit schreiben. Im Wechsel der gesellschaftlichen Verhältnisse sind bestimmte Krankheiten nahezu verschwunden oder wie aus dem Nichts aufgetaucht. Kaum hat die Medizin eine Volksseuche besiegt, sieht sie sich einer neuen Form von Massenerkrankungen gegenüber. Das läßt den Schluß zu, daß unser Leben unter den künstlichen Bedingungen der Kultur immer für Krankheiten anfällig sein wird. Die Häufigkeit gewisser Krankheiten hängt von den psychischen Problemen ab, mit denen sich die Menschen in einer bestimmten Zeit auseinanderzusetzen haben. Die typische Krankheit war bis in die dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts die Tuberkulose; das spiegelt sich unter anderem in Thomas Manns »Zauberberg«. Unsere Zeit hat an ihrer Stelle den Krebs und den Herzinfarkt gesetzt.  
     
 
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