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Libido

 
     
   
lateinisch für »Verlangen«, in der Psychoanalyse die seelische Antriebskraft der Sexualität und der Liebe. Sie schließt sowohl das Verlangen nach Sinnen und Körperlust als auch das Bedürfnis nach persönlicher Zuneigung und nach Geborgenheit ein. Die Libido stammt aus der tiefsten, triebhaften Schicht der Seele, aus dem Es, das unbewußt bleibt. Von daher erfaßt sie das ganze Leben bis in seine bewußten Bereiche. Dort äußert sie sich zum Teil in einer verwandelten Form, die die Herkunft aus dem Triebleben nicht mehr ohne weiteres erkennen läßt. Man stellt sie sich wie einen Kraftstrom vor, der eine gewisse, begrenzte Quantität hat, die sich freilich nicht messen läßt. Verschiedene Menschen sind mit unterschiedlicher Libido-Stärke begabt. Aber wie sich diese Kraft äußert, hängt entscheidend davon ab, wie der Strom der Libido durch Erziehung und Beispiel gebahnt worden ist. Insoweit läßt sich die Libido mit einem Fluß vergleichen, dessen Lauf außer von der eigenen Kraft von dem Gelände bestimmt wird, durch das er seinen Weg sucht. Schwierigkeiten der natürlichen Umwelt zwingen den Fluß der Libido zu Umwegen. In der menschlichen Kultur und Gesellschaft werden dazu gleichsam künstliche Staudämme errichtet. Sie leiten einen Teil der Libido vom Hauptstrom in Nebenkanäle ab, zum Teil sogar in gewissermaßen unterirdische, die an einer unerwarteten Stelle wieder nach außen durchbrechen mögen. Durch die Ableitungen verringert sich die Stärke des Hauptstroms. So lassen sich die Perversionen, einseitig fixierte Sonderformen der Sexualität, als Ergebnis einer Hemmung verstehen, die auf diese Weise umgangen wird. Ist eine solche Ableitung weniger stark, dann gestattet die Hemmung keinen offen sexuellen Ausdruck mehr, und es kommt zu Kompromissen des Triebes mit der Hemmung wie in den Neurosen. Ein Teil der Libido wird durch die gesellschaftliche Erziehung, wie sie vor allem von den Eltern während der Kindheit vermittelt wird, für gesellschaftlich nützliche Ziele eingesetzt, so wie man einen Fluß über Mühlräder lenkt. So wird ein Teil des Liebesbedürfnisses für die Bindungen in nicht-sexuellen Gemeinschaften verwandt. Die Notwendigkeit des gefühlsmäßigen Zusammenhaltes in Arbeitsgruppen ist wohl der wichtigste Grund für die Einschränkungen der Sexualität, wie sie in allen menschlichen Gesellschaften (wenn auch in verschiedenem Grade) verlangt werden. Hinzu kommt der Wunsch des Einzelnen, sich seinen Nächsten angenehm zu machen, im Grunde also um ihrer Liebe willen auf einen Teil seiner egoistischen Lust zu verzichten. Unter dem Einfluß dieser Einordnung in die Moral und zugleich dank des menschlichen Stolzes auf die Fähigkeit zur Befreiung von »animalischen« Trieben geschieht die Verwendung der Libido für höher gewertete Ziele, die Sublimierung. So etwa wird erotische Schaulust (Voyeurismus) zur Freude an der Bildenden Kunst oder zum wissenschaftlichen Forscherdrang. Mit der Libido als einer sexuellen Triebkraft ist also ein im engeren Sinne sexueller Ausdruck noch nicht festgelegt. Das Verlangen kann sich ebenso an eine Person des anderen wie an eine des eigenen Geschlechtes heften, aber auch an eine Gemeinschaft, an ein Arbeitsziel, an eine Idee. Zuerst und ursprünglich gilt sie der eigenen Person, ist ein Narzi ßmus. Nur weil diese Beziehung ungenügend ist, richtet sich die Libido auf andere und anderes. Wenn das Verlangen dort enttäuscht wird, zieht sie sich auf das eigene Ich zurück. Insoweit umfaßt sie sowohl die Arterhaltung wie die Selbsterhaltung. Deshalb hat Freuds Schüler und späterer Rivale C. G. Jung den Begriff »Libido« als Bezeichnung der Lebenskraft schlechthin verwendet. Aber auch nach der voll entwickelten Auffassung Freuds ist die Libido nicht der alleinige Regent des Lebens; sie konkurriert und vermischt sich mit der Kraft des Destruktionstriebes (»Destrudo«).Sexuelle Triebkraft, durch die der Mensch angeregt wird, Lustgewinn aus erogenen Zonen des Körpers zu suchen. Die Äußerungen der Libido entwickeln sich in der Kindheit in drei unterscheidbaren Phasen (orale, anale, phallische Phase), wobei besondere Befriedigungsmöglichkeiten durch Fixierung festgehalten und anläßlich späterer Belastungen in einer Regression wieder aufgesucht werden können. S. Freud faßte seelische Krankheiten als Störungen der Libido-entwicklung auf. Er hat aber die Libido stets als eine (wenn auch besonders wichtige, da besonders starken Verboten unterliegende) Triebkraft unter mehreren angesprochen. Durch Sublimierung kann Libido in kulturell wertvolle und anerkannte Motive umgewandelt werden: die Sexualforschung des Kindes zum Beispiel in den Forschungsdrang des Erwachsenen. Die große Bedeutung der Libido ist heute weitgehend anerkannt, während eine Erklärung seelischer Störungen aus der Libidoentwicklung allein weitgehend in Frage gestellt wird und wohl nicht aufrechtzuerhalten ist.
 
     
 
 
 
     
 
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