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Oral

 
     
   
auf den Mund bezogen. Die erste Phase der menschlichen Sexualentwicklung ist oral: die sinnliche Lust wird mit dem Munde, den Lippen erfahren. An der Mutterbrust nimmt der Säugling nicht nur Nahrung auf, er erlebt auch Genuß und Geborgenheit: »An der Frauenbrust treffen sich Liebe und Hunger« (Freud). Die Lippen sind eine besonders empfängliche erogene Zone. Ihre musterhafte Befriedigung in der frühesten Kindheit führt zu der Suche nach Ersatz, wenn die ursprüngliche Lustquelle nicht erreichbar ist. Das Kind saugt dann an Stellen des eigenen Körpers, zum Beispiel am Daumen. Die Beziehung zur Liebe drückt sich aus im Kuß als ihrem Zeichen. Vor allem die innige Berührung zweier Münder kann ein so starkes gemeinsames Erleben vermitteln, daß sie geradezu an die Stelle der geschlechtlichen Vereinigung treten mag und sie jedenfalls oft genug symbolisiert. Der Kontakt zwischen dem Munde und dem Geschlechtsteil der Frau (Cunnilingus) oder dem des Mannes (Fellatio) kann als sehr intensive und sehr intime Liebkosung, als Geste der Ergebenheit, aber auch als Perversität oder Perversion empfunden werden. Küsse können sich zu Liebesbissen steigern und damit den Wunsch nach Einverleibung verraten. Deren seelische Entsprechung ist dann die Identifikation. Von der ursprünglichen Verknüpfung zwischen Sinneslust und Liebe zur Nahrungsaufnahme stammt der sinnliche Genuß am Essen, Trinken, Lutschen und Rauchen. Die Eßlust kann im Fall von Liebesversagungen zur Ersatzbefriedigung werden. Beim Genuß von Alkohol und beim Rauchen tritt dann die Wirkung der Gifte als Enthemmung, Euphorie, oder doch Ablenkung hinzu. Aber der Mund ist nicht nur für die Erfahrung von Lust, sondern auch für die Erregung von Ekel sehr empfänglich. Wie immer so können auch hier Lust und Ekel gegeneinander vertauscht werden. Eine Art Ekel-Lust durch Einverleibung mit dem Munde wird in gewissen Fällen von Koprophilie (Kotliebe, vgl. anal) oder Urolagnie (Harn-Erotik) gesucht. Auch die Bedeutung des Mundes als Organ der Stimme, also der Sprache, des Gesanges oder einer anderen Lautäußerung, hat Beziehung zur sinnlichen Lust. Während der Mund sonst eher aufnimmt, wird er hier zum Mittel des Ausdrucks, der Selbstdarstellung, letztlich des Narzißmus. Die erste, orale Phase der Kindheit wird von der zweiten, der analen abgelöst. Wenn die Befriedigungen in dieser neuen Etappe nicht hinreichen, findet ein Rückgriff (Regression) auf das frühere Stadium statt. In jedem Falle bleibt die Kraft des oralen Partialtriebes erhalten. Sie vermischt sich mit den Tendenzen der anderen sexuellen bzw. libidinösen Teilkräfte und unterstellt sich bei normaler Entwicklung dem Genital-Primat; das heißt, sie trägt zur sexuellen Vorlust im Dienste der Geschlechtsvereinigung bei. Werden jedoch die übrigen Partialtriebe nicht genügend entwickelt, erfahren sie eine unzurei chende Befriedigung, oder stellen sich ihnen übergroße Hemmungen entgegen, dann können die orale Sexualität und ihre Abkömmlinge eine übertriebene und manchmal sogar ausschließliche Bedeutung erlangen. Das führt entweder zur Perversion, in der der orale Genuß unmittelbar als sexuelle Befriedigung erlebt wird, oder zu einer Sucht, deren Wesen als Sexualersatz nicht mehr ohne weiteres kenntlich ist. Andererseits können die oralen Tendenzen auch verdrängt werden; dann tragen sie zu neurotischen Erscheinungen bei. Harmonisch eingegliedert ist die orale Lust Ausdruck und Mitteilung von Liebe. Von ihrer Beziehung zur Nahrung heißt es in einem psychologisch sehr einsichtigen Sprichwort: »Essen und Trinken halten Leib und Seele zusammen.«
 
     
 
 
 
     
 
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