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Ich-Psychologie

 
     
   
eine Weiterentwicklung der Freudschen Triebpsychologie, die vor allem von Heinz Hartmann in den USA in den 40er und 50er Jahren entwickelt wurde. Sie widmete sich insbesondere der differenzierten Untersuchung bestimmter Ich-Funktionen, wie Wahrnehmen, Denken, Erinnern, wobei sie auch an die akademische Entwicklungspsychologie anknüpfte. Ebenso entwickelte sie den bei Freud noch relativ inkonsistenten Ich-Begriff weiter, indem sie z.B. eine Unterscheidung zwischen dem Ich und dem Selbst ausarbeitete. Generell setzte sie es sich zum Ziel, psychoanalytische Vorstellungen in Richtung auf eine Allgemeine Psychologie hin zu erweitern, wobei sie sich aber durchaus auch an die von Freud in seinem Strukturmodell ausgearbeiteten Vorstellungen bezog.

Der Versuch, die Psychoanalyse in den USA stärker an inhaltliche und methodische Schwerpunkte der akademischen Psychologie anzupassen, wurde ihr später von europäischen Psychoanalytikern, allen voran von Jacques Lacan, als Verwässerung des ursprünglichen revolutionären Denkens der Psychoanalyse vorgeworfen; nicht ganz zu Unrecht, denn die vorherrschende Methodologie in den Human- und Sozialwissenschaften war zu dieser Zeit stark dem vorherrschenden empiristischen Positivismus verpflichtet, der mit seiner Forderung nach Operationalisierung und Metrisierung der verwendeten Konstrukte Anschluß an die Naturwissenschaften suchte. Von den methodenrestriktiven Konzeptualisierungen psychischer Sachverhalte blieben auch die Arbeiten von David Rapaport, einem anderen herausragenden Theoretiker der Ich-Psychologie, nicht gänzlich verschont.

Rapaport und Gill erweiterten die klassische Metapsychologie Freuds um den genetischen und adaptiven Gesichtspunkt. Die Frage, wie sich die Entstehung einer Ich-Funktion konzeptualisieren läßt (genetisch) und wie sie optimal auf die Umwelt bezogen ist (adaptiv), knüpfte an das zentrale Thema Hartmanns an: Wie gelingt es Menschen, sich an die Welt, in der sie leben, anzupassen? Hartmann betrachtete Anpassung als das Ergebnis eines fortdauernden Entwicklungsprozesses, in dessen Verlauf bestimmte seelische Funktionen eine zunehmende funktionale Selbständigkeit erlangen. Wie gelingt es z.B. dem heranwachsenden Kind, Funktionen, die ursprünglich von seiner Mutter ausgeführt wurden, in sein Ich zu übernehmen? Warum scheitert dies in klinisch beschreibbaren Fällen? Dabei umfaßt die Ich-Psychologie Fragen der Entwicklung von Beziehungsstrukturen ebenso wie Fragen der Regulation von Selbst- und Selbstwertgefühl, aber auch Aspekte der Entwicklung der Motorik oder der Denk- und Wahrnehmungsfunktionen.

Wichtig und heftig umstritten war auch Hartmanns Konzept von "primär autonomen Ich-Funktionen", das besagte, daß bestimmte Wahrnehmungsfunktionen unabhängig von Triebkonflikten funktionieren, eine sog. konfliktfreie "Ich-Sphäre" bilden, sekundär aber sehr wohl wieder mit Konflikten kontaminiert werden können.

Die Arbeiten von Erik Erikson, René Spitz, Robert Emde und Margaret S. Mahler stehen in der ich-psychologischen Tradition, insofern sie auch die Wechselwirkungen von dispositionellen Faktoren und Beziehungserfahrungen thematisierten. Gertrude und Rubin Blanck erweiterten das ich-psychologische Konzept durch die Integration mit der psychoanalytischen Objektbeziehungstheorie. Viele der ich-psychologischen Konzepte sind in moderne systemtheoretische Konzeptualisierungen der Psychoanalyse und auch in die Kleinkindforschung eingegangen.

Literatur

Hartmann, H. (1939). Ich-Psychologie und Anpassungsproblem. Stuttgart: Klett, 1970.


 
     
 
 
 
     
 
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