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Neugeborene

 
     
   
wurden noch bis in die sechziger Jahre hinein von Entwicklungspsychologen unterschiedlicher theoretischer Richtungen (psychoanalytisch, nativistisch und empiristisch) als reine “Reflexbündel” angesehen. Man nahm an, daß Neugeborene nur undifferenzierte Sinneseindrücken wahrnehmen könnten, keine Schmerzen empfänden und weitgehend taub und blind seien. Einige empirische Ergebnisse der neueren Säuglingsforschung, die sowohl die visuellen und akustischen Wahrnehmungsfähigkeiten von Neugeborenen und ihre Imitations- und Lernfähigkeit als auch ihre sozialen und kommunikativen Kompetenzen in beeindruckender Weise belegten, haben diese Sichtweise grundlegend revidiert. Mit speziellen Untersuchungstechniken wie der Präferenztechnik und dem Habituations-Dishabituations-Verfahren konnte gezeigt werden, daß Neugeborene bereits Gesichter erkennen und zwischen einfachen Formen diskriminieren können. Sie können auf eine Entfernung von ca. 20–25 cm bei mittlerer Helligkeit einigermaßen scharf sehen und bevorzugen dabei sich bewegende Muster mit deutlichen Konturen. Ferner sind sie in der Lage, ihnen vorgemachte einfache Handlungen wie Mundbewegungen (z.B. Zunge raus strecken), aber auch Gesichtsausdrücke wie Trauer, Glück und Überraschung nachzuahmen und so auf die Mimik eines anderen zu reagieren. Schon in der Neugeborenenphase können also einfache soziale Interaktionsprozesse stattfinden. Auch haben Untersuchungen im Mutterleib gezeigt, daß der Geruchs- und der Geschmackssinn ebenso wie das taktile System und das Gehör bereits vor der Geburt voll entwickelt sind (Pränatale und Perinatale Psychologie). Reize im Bereich dieser Sinnessysteme können deshalb auch schon von Neugeborenen gut diskriminiert und wiedererkannt werden (z.B. der Herzschlag der Mutter, ihr Geruch oder der Geschmack der Muttermilch). Bei akustischen Reizen wird menschliche Sprache vor anderen Klangreizen bevorzugt. Neugeborene besitzen auch bereits die Fähigkeit, die Stimme ihrer Mutter von anderen zu unterscheiden und sie können auf Streicheln und auf Schmerzreize reagieren. Obwohl das Neugeborene in bezug auf die motorische Entwicklung eher unreif und vorwiegend reflexgesteuert ist, wird die Pränatal- und Neugeborenenzeit von motorischen Aktivitätszyklen und -schüben bestimmt, die auch durch den Anblick der Eltern oder die Interaktion mit ihnen ausgelöst werden können. Dies alles hat das Bild eines äußerst kompetenten Neugeborenen entstehen lassen.


 
     
 
 
 
     
 
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