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Sozialisation

 
     
   
auch Sozialisierung, die allmähliche Einordnung des Menschen in seine Gemeinschaft. Sie umfaßt das Erlernen der üblichen Verständigungsmittel, vor allem der Sprache, die Übernahme der kulturellen Werte und Normen, darunter der jeweils gültigen Moral, und regelt den Umgang mit anderen. Die Grundlage für diese Anpassung wird in früher Kindheit innerhalb der Familie geschaffen. Hier erfährt das Kind, wie weit es sich unterordnen muß oder durchsetzen kann. Hier lernt der Knabe, seine Rivalität mit dem Vater soweit zu zügeln, daß er nicht dessen Schutz und liebende Fürsorge gefährdet. Ähnlich, wenn auch in etwas geringerem Maße, stellt sich das Mädchen zwischen der Rivalität zur Mutter und der Abhän gigkeit von ihr ein. Alle Kinder müssen sich zwischen den manchmal unterschiedlichen Geboten der beiden Eltern orientieren. Die Rivalität und Eifersucht zwischen den Geschwistern wird durch die Einsicht gedämmt, daß man einander auch lieben muß, wenn man nicht der Elternliebe verlustig gehen will, und um die Zusammengehörigkeit der Familie gegen Fremde nicht zu gefährden. Es findet eine erste Gruppen-Bildung statt. Schon in diesen frühesten sozialen Beziehungen muß man lernen, eigene Wünsche zurückzustellen und auf die der Nächsten einzugehen. Man muß geben, um zu bekommen. Man erwartet Liebe für den Gehorsam und Schutz für die Einschränkung der Freiheit. Die Muster, die das Kind in der Familie gelernt hat, bestimmen weitgehend sein Verhalten in späteren Gemeinschaften, zuerst in der Schule als der nächstwichtigen Institution der Sozialisation. Doch müssen hier schon Regeln neu gelernt werden, die nicht so allmählich entstanden sind, daß sie sich alsbald von selbst zu verstehen scheinen. Sie gelten für die Beziehung zu Menschen, die zunächst fremd sind. Die Anpassung bietet nicht mehr soviel Liebe und Geborgenheit, wie das in der Familie erfahren werden kann. Jede spätere Einordnung in eine Gruppe, zum Beispiel bei der Arbeit im Beruf, ist insofern noch weiter von der kindlichen Grunderfahrung entfernt. Sie würde nicht gelingen ohne die erste Sozialisation, und auch nicht ohne die allmähliche Ablösung aus der Familie, die u. a. die Schule fördert. Beinahe nur in der Familie können die Gebote einer Gemeinschaft im Zusammenhang mit Liebeserwartung und Liebesentzug so verinnerlicht werden, daß sie im Über-Ich zum Teil der eigenen Person werden. Fortan überwacht das Gewissen die Einhaltung der Regeln auch dann, wenn keine äußere Kontrolle stattfindet. Die Gemeinschaft hat gleichsam in die Seele des Einzelmenschen einen Delegierten gesetzt, der ihre Interessen gegen die Triebwünsche des Es und die Entscheidungen des Ich vertritt. Der Grundstock dieser Sozialisation in der Familie ist schichtbedingt. Sie schließt auch die Einordnung in den Status ein, den diese Schicht in der Gesellschaftsordnung hat. Von ihr geht das Standesbewußtsein aus, also die Auseinandersetzung mit den Privilegien und Bürden der Schicht in deren Verhältnis zu anderen gesellschaftlichen Gruppen. Zur Traditionslenkung gehörte die Auffassung, daß die Stellung der Schicht, in der man aufgewachsen war, ein gottgewolltes Schicksal sei. Die Innenlenkung richtet sich eher nach den sozialen Zielen, die von den Eltern abgesteckt worden sind. Die moderne Außenlenkung ermöglicht und erzwingt eine ständig neue Orientierung je nach der sozialen Umwelt, in die man während des Lebens kommt. Da jede Sozialisation unterschiedliche Signale nebeneinander vermittelt, und da ihre Wirkung von der Anlage des Menschen abhängt, den sie formen soll, ist ihr Ergebnis nicht einfach voraussehbar. Sie kann ebenso völlig angepaßte Individuen hervorbringen wie eine extreme Rebellion bewirken. Zwar ist jeder Mensch ein Gemeinschaftswesen, aber keiner ist es ganz und gar.(Sozialisierung) Vorgang, durch den ein Kind mit den Werten, Symbolen (Sprache, Schrift, Zahl) und typischen Verhaltensweisen einer bestimmten Gesellschaft vertraut wird und sie sich zu eigen macht. Ziel der Sozialisation ist der Ersatz äußerer Anweisungen durch innere Kontrollen, so daß sich der Erwachsene an den Werten der Gesellschaft orientiert und diese weitervermittelt, auch wenn keine äußere Macht ihn dazu zwingt .Diese Ver-innerlichung beruht darauf, daß die Folgen künftiger Handlungen in der Phantasie vorweggenommen werden. Diese vorgestellten Handlungsentwürfe unterliegen der Bewertung durch das Über-Ich, das heißt durch die von den frühen Bezugspersonen übernommenen Werte, deren Annahme ursprünglich dazu diente, dem Kind die unentbehrliche Zuwendung der Erwachsenen zu erhalten. Die Fähigkeit des menschlichen Nervensystems zum Speichern, die biologisch gesehen von hohem Überlebenswert ist, führt dazu, daß auch Bestrafungen und Kritik der frühen Bezugsperson aufgenommen und bewahrt werden: Selbstauferlegte Strafen (Schuldgefühle) erleichtern dann selbstverursachte Qualen, die durch den inneren Konflikt zwischen den kritischen, tadelnden, fordernden «Stimmen der Eltern» (des Über-Ich) und den bewußt angestrebten Bedürfnissen des Erwachsenen bedingt sind. Solche Pannen der Sozialisation, die der Psychotherapeut in seiner Arbeit kennenlernt, sind ein Preis des Menschen für die Entwicklung zu einem Wesen, dessen zweite Natur der Erwerb kultureller Werte und Symbolsysteme geworden ist. Schwerer wiegen die günstigen Folgen der Sozialisation, die einem relativ kurzlebigen Einzelmenschen den Erwerb einer in Jahrtausenden entwickelten Kultur ermöglichen.
 
     
 
 
 
     
 
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