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Reich

 
     
   
Wilhelm, 1897–1957, österreichisch-ungarischer Arzt und Psychoanalytiker, gilt als eine der schillerndsten und zugleich umstrittensten Persönlichkeiten, die die Psychoanalyse hervorgebracht hat. Reich wurde im damaligen Galizien geboren, studierte in Wien Medizin und promovierte 1922. Er gehörte zunächst dem Kreis um Sigmund Freud an. 1920 war er in die Wiener Psychoanalytische Gesellschaft eingetreten, von 1922 bis 1928 leitete er das Seminar für psychoanalytische Therapie. Seit 1919 war er sexualaufklärerisch tätig, informierte in Beratungszentren und in Broschüren über z.B. Empfängnisverhütung und befaßte sich mit politischen Aspekten sexueller Unterdrückung. Neurotische Verhaltensweisen führte er auf sexuelle Störungen zurück, die durch autoritäre Erziehung verursacht würden. Die Entfremdung von Sigmund Freud und der klassischen Psychoanalyse begann 1928, als er der Kommunistischen Partei beitrat und die Sozialistische Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung gründete. Seit 1930 arbeitete er in Berlin, wo er den deutschen Reichsverband für proletarische Sexualpolitik (Sexpol) ins Leben rief. Reich versuchte, psychoanalytische und marxistische Ansätze mit einer befreiten Sexualmoral zu verknüpfen. In seiner Theorie vom “Charakterpanzer” leitete er autoritäres und destruktives Verhalten direkt von einer von Kindheit an unterdrückten Sexualität ab (Charakterpanzerung).

1933 erschien sein auch heute noch viel beachtetes Buch “Massenpsychologie des Faschismus”. Im gleichen Jahr ging Reich ins Exil, er floh nach Kopenhagen, London, Paris, Zürich, Wien, Prag, Malmö und 1934 nach Oslo. In diesem Jahr kam es zum Bruch mit der Kommunistischen Partei wie auch mit der Internationalen Psychoanalytischen Gesellschaft, er wurde aus beiden Organisationen ausgeschlossen. Reich befaßte sich mit biologisch-physiologischen Untersuchungen der Angst und Sexualität und ging davon aus, daß in allem Lebendigen eine universelle Lebensenergie, die er “Orgon” nannte, enthalten sei. Der Psychoanalyse warf er vor, daß sie die Libidotheorie aufgegeben und nur er sie wirklich bewahrt habe. In den Jahren bis 1939 gab er unter dem Pseudonym Ernst Parell eine Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie heraus. 1939 emigrierte Reich schließlich in die USA, wo er einen Lehrstuhl für Medizinische Psychologie an der New School for Social Research in New York übernahm. Er arbeitete weiter an seiner Orgon-Theorie (Orgon-Energie, Orgontherapie) und zog sich 1942 auf eine Farm in Maine zurück, wo er, von der Außenwelt abgeschirmt, ein Forschungslabor, ein Observatorium und einen Verlag gründete. Er entwickelte eine Reihe seltsamer Apparaturen, insbesondere den so genannten Orgon-Akkumulator, ein Gerät, daß die Lebensenergie speichern und zu therapeutischen Zwecken wieder abgeben sollte. Es handelte sich dabei um einen schrankartigen Kasten, in den man sich täglich für einige Zeit hineinsetzte, um sich mit der kosmischen Energie Orgon aufzuladen. Unter anderem befaßte er sich mit UFOs und der Wetterbeeinflussung und erfand ein Gerät, mit dessen Hilfe er versuchte, in der Wüste von Arizona Regen zu machen.

Die amerikanische Öffentlichkeit und die Behörden standen Reichs Experimenten und seinen politisch wie moralisch als hochverdächtig empfundenen Schriften in den kommenden Jahren zunehmend skeptisch gegenüber. 1954 führte sein Handel mit Orgon-Akkumulatoren zu einer Betrugsanklage und deren Verbot, nachdem er ihren Einsatz auch für die Krebstherapie empfohlen hatte. 1955 kam es wegen Verstoßes gegen das Urteil zu einer erneuten Anklage. Da er die Kompetenz des Gerichts in wissenschaftlichen Sachfragen bestritt, wurde er 1956 wegen Mißachtung des Gerichts zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. 1957 starb Wilhelm Reich im Gefängnis von Lewisburg. Seine Schriften wurden verboten, und es kam zu öffentlichen Bücherverbrennungen der Werke des Juden im Exil. Etliche der Ideen Wilhelm Reichs erscheinen aus wissenschaftlicher Sicht zweifelsohne bizarr, mystisch und absurd. Allerdings wurde auch kaum versucht, sie zu replizieren oder einer Überprüfung zu unterziehen. Einige seiner Theorien wurden teilweise in die Psychoanalyse integriert, und manche seiner Ansätze fanden Eingang in die körperbezogenen Therapieformen wie beispielsweise die Bioenergetik.


 
     
 
 
 
     
 
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