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Medizinische Psychologie

 
     
   




Gegenstand der Medizinischen Psychologie sind psychologische Aspekte bei Entstehung, Verlauf und Chronifizierung von Krankheiten und in der Diagnose, Therapie und Verarbeitung von besonders auch organischen Krankheiten, unter Betonung jener Patienten, die prämorbid psychisch eher gesund und unauffällig sind. Der Prävention und Gesundheitsförderung gilt gezielte Aufmerksamkeit.

Fragen einer speziellen Genese von psychischen Erkrankungen und psychopathologische Reaktionen im engeren Sinn gehören nicht zum Kernbereich der Arbeit in der Medizinischen Psychologie.

Der Begriff “Psychologie in der Medizin” hingegen umfaßt neben der Medizinischen Psychologie weitere Fachdisziplinen: Psychosomatik und Psychotherapie, Psychiatrie, Klinische Psychologie, Verhaltensmedizin, Klinische Neuropsychologie, Psychoneuroimmunologie. Thematische Nähe besteht zur Medizinischen Soziologie, Sozialmedizin und zur Gesundheitsmedizin/-psychologie. Medizinische Psychologie mit einem breiten Spektrum von Inhalten entwickelt sich als Fachgebiet weiter und kann am besten operational definiert werden:



Entwicklung der Medizinischen Psychologie

Wahrscheinlich haben psychologische Aspekte in ärztlicher Tätigkeit vor der Entstehung systematischen medizinischen Wissens eine relativ noch größere Rolle gespielt, als sie es in breitem Maße bis auf den heutigen Tag tun.

G. Huppmann (1992) gibt eine Vielzahl von Hinweisen auf historische Vorläufer heutiger Arbeit im Gebiet der Medizinischen Psychologie. Er konnte Persönlichkeiten namhaft machen, die im Rahmen zeitgeschichtlicher und gesellschaftspolitischer Forderungen und Arbeitsbedingungen handelnd, forschend und publizierend medizinpsychologisch tätig waren, wie zum Beispiel:

Frühgeschichte: G.E. Stahl (1659–1734), F. Hoffmann (1660–1742), H. Gaub (1705–1780), F.Ch.G. Scheidemantel (1735–1796), J.D. Metzger (1739–1805), M. Herz (1747–1808), J.Ch. Reil (1759–1813), Ch.W. Hufeland (1762–1836), G. Wedekind (1761–1831), C.G. Carus (1789–1869), E.v. Feuchtersleben (1806–1849), R.H. Lotze (1817–1881).

Phase der Etablierung: W. Wundt (1832–1920), S.S. Korsakow (1854–1900), K. Rieger (1855–1939), E. Kraepelin (1856–1926), S. Freud (1856–1939), E. Bleuler (1857–1939), O. Külpe (1962–1915), A. Moll (1862–1939), K. Marbe (1869–1953), N. Ach (1871–1946), W. Hellpach (1877–1955), W. Peters (1880–1963), L. Binswanger (1881–1966), K. Jaspers (1883–1969), J.H. Schultz (1884–1970), P. Schilder (1886–1940), V.v. Weizsäcker (1886–1957), E. Kretschmer (1888–1964), C.G. Jung (1895–1961). Als wichtiges Datum darf die Inauguration des Begriffes “Medizinische Psychologie” durch den Berliner Hausarzt und Philosophen M. Herz (1773) gelten.

Der Arzt F. Hoffmann ist bereits (1715, 1752) “für den Einsatz moralischer (seelischer), der Philosophie entlehnter Mittel auch bei körperlich begründeten Krankheiten eingetreten”. Der Kant-Schüler M. Herz forderte die “genaue Verknüpfung zwischen Seele und Körper” und wollte im Medizinstudium “neben den Lehrer der Körperzerschneidung einen Lehrer der Seelenzergliederung” stellen. J.Ch. Reil trug 1803 den Plan vor, ein Fach “Psychologie für Ärzte” einzuführen (Physiologie und Pathologie der Seele; psychische Therapie, ärztliches Verhalten gegenüber Sterbenden). Tatsächlich gab es von 1825 bis 1861 in Preußen in der ärztlichen Prüfungsordnung das Fach “Medizinische Psychologie”. G. Wedekind befaßt sich im Rahmen einer Medizin als “Gesunderhaltungs- und Herstellungskunde” mit Fragen der Wahrheit am Krankenbett und mit der Wichtigkeit des Vertrauens von Patienten für die Therapietreue. Er entwirft eine Psychophysiologie der Affekte. C.G. Carus, Vertreter eines psychophysischen Monismus, weiß bereits dezidiert über Phänomene des Unbewußten zu berichten, 100 Jahre vor Freud. E.v. Feuchtersleben spricht in seinem “Lehrbuch der ärztlichen Seelenkunde” 1845 von medizinischer oder ärztlicher Psychologie und vertritt einen patientenzentrierten Ansatz. R.H. Lotze hat in seiner “Physiologie der Seele” auch psychische Symptome akuter und chronischer körperlicher Störungen als Aufgaben einer “Medizinischen Psychologie” gesehen. Dieser Akzent ist bis heute erhalten geblieben.

Zu einem eigenständigen Fach hat sich die Psychologie erst seit W. Wundt (1879) entwickelt. Also kann im engeren Sinn von Medizinischer Psychologie sowohl als einem Grundlagenfach als auch einer Angewandten Psychologie erst ab dieser Zeit gesprochen werden. Das Mutterfach Psychologie entwickelte sich weiter und bot bald transferierbare Inhalte und professionelle Identität (Diplomprüfungsordnung von 1941). Der Anwendungsaspekt der Psychologie war zunächst zugunsten der Grundlagenforschung umstritten. Daher entwickelte sich die Medizinische Psychologie z. T. durch Bedarf und Selbsthilfe innerhalb der Medizin. Bleuler veröffentlichte 1914 eine Arbeit mit dem Titel “Die Notwendigkeit eines medizinisch-psychologischen Unterrichts”. 1922 erschien das “Lehrbuch der Medizinischen Psychologie” von E. Kretschmer. Flankiert und vorbereitet waren die Forderungen nach psychologischer Kompetenz für den Arzt durch sozialmedizinisches/sozialhygienisches Engagement. Ärzte gründeten in den 20er Jahren Vereine und Zeitschriften für medizinische Psychologie. 1928 erschien Birnbaums Wörterbuch der Medizinischen Psychologie. Es sollte noch vier Jahrzehnte dauern, bis die ärztliche Forderung nach psychologischen Anteilen in der medizinischen Ausbildung zum Erfolg führte.



Institutionalisierung im geteilten und vereinten Deutschland

In der DDR hat die Medizinische Psychologie einen eigenständigen Weg beschritten von einer fakultativen psychiatrischen Propädeutik zu einem (ab 1966) obligatorischen, vorklinischen und klinischen Lehr- und Prüfungsfach für Studierende der Medizin und Zahnmedizin, außerdem für angehende Diplom-Krankenpfleger und Diplom-Psychologen. Ein zentrales Forschungsprojekt galt psychonervalen Störungen, medizinpsychologisch besonders vorangebracht an der Universität Leipzig. Es gab allerdings kein eigenständiges medizinpsychologisches Institut und nicht an jedem medizinischen Hochschulbereich Lehrstühle oder Dozenturen für Medizinpsychologen.

Eine Zwischenbilanz zur Lage der Medizinischen Psychologie in der Bundesrepublik findet sich bei Rosemeier (1988). 1970 wurde Medizinische Psychologie als vorklinisches Lehr- und Prüfungsfach in das ärztliche Studium aufgenommen. (Die “psychologische Achse” wird im klinischen Studium durch Psychosomatik/Psychotherapie und Psychiatrie fortgeführt). Medizinische Psychologie ist an medizinischen Fakultäten verankert, was der Tradition und dem Aufgabengebiet entspricht. An nahezu jeder Medizinausbildungsstätte gibt es eigenständige Institute oder Abteilungen für Medizinische Psychologie (z.Zt. 37 Professuren).

Die Fachgesellschaft DGMP (Deutsche Gesellschaft für Medizinische Psychologie) vereinigt die auf dem Gebiet der Medizinischen Psychologie tätigen Ärzte und Psychologen, die das Fach in Lehre, Forschung und Krankenversorgung vertreten.



Forschung

Forschungsfragen der Medizinischen Psychologie lassen sich systematisieren nach den Achsen medizinischer und psychologischer Bereiche. Kerngegenstände sind so komplexe Themen wie Arzt-Patient-Beziehungen, subjektives Erleben, Krankheitsverarbeitung, Therapietreue (Compliance), Sterben u.ä. Medizinpsychologische Forschungsergebnisse liegen z.B. zu folgenden Teilgebieten vor: Psychologie in der Kardiologie (u.a. bei Herz-Kreislauferkrankungen), Onkologie (mit speziellen Unterdifferenzierungen), Nephrologie, Gastroenterologie, Dermatologie, Diabetologie, Transplantationsmedizin, Humangenetik und Reproduktionsmedizin, Sexualmedizin (z.B. Fertilitätsstörungen), Zahnmedizin, Neurologie, Neuropsychologie, Schmerztherapie (Rheumatologie, Migräne, Kopf-, Rückenschmerz), Neuropsychologische Rehabilitation (z.B. visuelle Funktion nach Hirnverletzung), Psychosoziale Gerontologie, Medizinische Psychologie einzelner Lebensalter, Krankheitsverarbeitung bei Kindern und Jugendlichen.

Die Mehrzahl dieser Themen entspricht dem Titel jeweils eines “Jahrbuches der Medizinischen Psychologie”. Die Jahrbücher erscheinen seit 1988, eines stellt ausdrücklich die Forschungsmethoden der Medizinischen Psychologie dar (Strauß & Bengel, 1997) (Forschungsmethoden).

Weitere Forschungsfragen betreffen generelle Belastungen bei chronischen Erkrankungen, Interaktionsprobleme Erkrankter in Familie und Beruf, Copingstrategien, Selbsthilfegruppen, Compliance vs. Empowerment, Akzeptanz therapeutischer Interventionen. Besondere Bedeutung hat dabei die Frage der Beachtung und Optimierung der Lebensqualität von Patienten während und nach medizinischen Therapieformen. Auch werden die Möglichkeiten des Einsatzes spezieller Formen der Psychotherapie (etwa Musiktherapie, Kunsttherapie, Imaginationsformen) erkundet und evaluiert. Medizinpsychologisches Engagement bezieht sich auch auf Intensivmedizin und Sterbebegleitung, thanatologisch: die Auseinandersetzung mit Tod und Sterben (Thanatopsychologie, Death Education).

Spezialisierte Psychodiagnostik schafft Instrumente für gezielte Fragestellungen in einzelnen medizinischen Anwendungsfeldern. Diese zukunftsträchtige Arbeit steht u.a. im Zusammenhang mit medizininternen Bemühungen um Qualitätssicherung.

Schwerpunkte im Bereich der Grundlagenforschung sind vor allem: Hirnforschung (Beispiel: Kortikale Aufmerksamkeit), Chronobiologie und Zeiterleben, Psychomotorik und EMG-Forschung, Psychoneuroimmunologie.



Lehre

Medizinstudierende müssen vor der Ärztlichen Vorprüfung nachweisen, daß sie an einem Kursus der Medizinischen Psychologie teilgenommen haben. Für die etwa 10000 Studenten pro Jahr werden also in deren ersten vier Semestern Pflichtkurse und fakultative Vorlesungen angeboten. Als Lernziel gilt der Erwerb psychologischer Kompetenzen (psychologisch aufgeschlossene Haltung gegenüber Patienten, Selbst- und Fremdwahrnehmung, Problembewußtsein für medizinisch-psychologische Methodik, Gesprächsführung als Element ärztlich-psychologischen Handelns, psychologische Aspekte des Diagnostizierens und Therapierens, professionelle Kooperation).

Das für zentrale Prüfungen im Medizinstudium zuständige IMPP (Institut für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungsfragen) definiert terminologische und kognitive Grundkenntnisse, die mit multiple-choice-Fragen überprüft werden.

Brähler (1998) hat eine Zusammenstellung aller Lehrbücher der Medizinischen Psychologie vorgelegt. Von den bisher bekannt ersten Lehrbüchern (E.v. Feuchtersleben, Lehrbuch der ärztlichen Seelenkunde, Wien 1845; R.H. Lotze, Medicinische Psychologie oder Physiologie der Seele, Leipzig, 1852) bis zum Jahre 1998 waren 96 Lehrbücher erschienen, 23 davon vor 1970. Diese hohe Veröffentlichungszahl der letzten Jahrzehnte zeigt einerseits die Virulenz und Pionierarbeit des Faches. Andererseits läßt sich erkennen, daß Medizinische Psychologie noch nicht saturiertes Lehrgebiet mit einem schon Tradition gewordenen Standardwerk ist.



Krankenversorgung

Rund die Hälfte der 36 Medizinpsychologischen Institute in der Bundesrepublik ist klinischen Einheiten zugeordnet (Innere Medizin, Psychosomatik, Nervenheilkunde), die andere Hälfte zur Gruppe der vorklinischen Fächer. Praktisch alle Medizinpsychologischen Institute sind an direkter Patientenversorgung beteiligt in Konsiliar- oder Liaisondiensten oder in eigener ambulanter Tätigkeit.

Unter Einsatz verschiedener psychotherapeutischer Techniken, Verhaltenstherapie, Beratung und Gesprächspsychotherapie werden besonders Patienten mit Problemen in der Verarbeitung einer organischen Erkrankung betreut. Als Beispiel sei der stark angewachsene Einsatz von Psychologen in der Schmerztherapie genannt (Basler et al. 1999). Eigenständige psychologische Beiträge gelten der Schmerzdiagnostik und -dokumentation und der Einzel- und Gruppenbetreuung von Patienten ( z.B. durch Schmerzbewältigungsprogramme, Entspannungskurse, Biofeedback, Schmerzmittelentzug).

Die Veränderung des Krankheitsspektrums zu mehr chronischen Krankheiten und solchen, die in direktem Bezug zu Lebensführung und Umwelt stehen, zieht einen zunehmenden Bedarf an medizinpsychologischer Hilfe in der Krankenversorgung nach sich, den im Hauptgewicht Ärzte leisten müssen, die entsprechend ausgebildet sind in Diagnostik, Prävention, Rehabilitation und Evaluation. Bei aller Notwendigkeit psychologischer Aspekte in der Medizin darf es auch nicht zu einer unkritischen Pseudopsychologisierung medizinischer Aufgabenbereiche kommen. Die Kooperation mit dem Fachpsychologen ist unabdingbar.

Literatur

Basler, H.-D. et al. (1999). Psychologische Schmerztherapie (4. Aufl.). Berlin: Springer.

Brähler, E. (1998). Bibliographie der Lehrbücher Med. Psychologie und Med. Soziologie. Mitt. d. DGMP 66, S.29-33.

Huppmann, G. (1992). Markus Herz (1747-1803): Arzt, Philosoph und Medizinischer Psychologe. Z. f. Med. Psych. 2, S.90-95.

Rosemeier, H. P.(1988). Medizinische Psychologie. In R. Asanger, & G. Wenninger (Hrsg.), Handwörterbuch der Psychologie (S.436-440). München: PVU.

Strauß, B. & Bengel, J. (Hrsg.). (1997). Forschungsmethoden in der Medizinischen Psychologie, Jb. d. Med. Psych. 14, Göttingen: Hogrefe.


 
     
 
 
 
     
 
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