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Neuropsychologie

 
     
   




Die Neuropsychologie ist ein Teilgebiet der in den 60er Jahren entstandenen Neurowissenschaften, die von zahlreichen natur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen fächerübergreifend die Verbindung ihrer Fachthematik zu den Funktionskenntnissen des Zentralnervensystems herstellen. Innerhalb der Psychologie gilt sie als Parallelfach zur Physiologischen Psychologie und der Psychopathologie. Die Hauptbereiche der Neuropsychologie gliedern sich in die Theoretische, Experimentelle, Klinische und Vergleichende Neuropsychologie.



Theoretische Neuropsychologie

Dieser Teil der Neuropsychologie schließt sich an die ältesten, philosophischen Fragen zur essentiellen Existenz des Psychischen an. Seit dem Altertum gibt es hierfür drei Antworten mit entsprechenden Traditionen. Für Demokrit (ca. 470–380) bestand das Psychische aus Seelenatomen, die wie die tanzenden Staubteilchen im Sonnenlicht in Bewegung geraten und so als Bewegungen Wahrnehmung und Denken schaffen. Für Platon war "Seele" ein sich selbst bewegendes Wesen, das im Prozeß des Denkens auf Ideen und nicht auf Gegenstände ausgerichtet ist; insofern sei sie "unsterbliche Weltseele", an der der einzelne Mensch seinen Anteil habe. Für Aristoteles schließlich besteht für Leib und Seele eine “Triplexität” (Dreischichtigkeit) von Substanz (körperliche Stofflichkeit), Form (Gestalt sowie Bewegung) und Entelechie (Zielstrebigkeit) (Leib-Seele-Problem).

Diese drei Ansätze für eine Psychotheorie lassen sich bis heute weiterverfolgen. (1) Der Monismus (begründet von Christian v. Wolff, 1721) hält Psychisches und Physisches für eine Einheit, die materiell auf den neuronalen Funktionen beruht (u.a. bei Beaumont als “Emergetischer Materialismus” 1987) oder wird als psychophysischer Parallelismus verstanden, indem man von den zwei Seiten des einen neuronalen Geschehens spricht (u.a. Sperry, 1969). Wegen seiner naturwissenschaftlichen Erforschbarkeit wird der Monismus/Parallelismus von den meisten Hirnforschern vertreten. (2) Der französische Philosoph René Descartes ist der Begründer des Dualismus von Leib und Seele, die ewig in eine “res extensa” (ausgedehntes Ding) und eine res cogitans (denkendes Ding, ohne Gegenständlichkeit) getrennt sind, wobei sie sich über die Zirbeldrüse (Epiphyse) gegenseitig beeinflussen würden. Der Vorteil des Dualismus liegt in seiner Fähigkeit, die psychophysische Wechselwirkung vorauszusetzen, ohne die die Psychotherapie theoretisch nicht bestehen kann; Nachteil ist ihr naturwissenschaftliches Forschungsdefizit. (3) Die Triplexität von Aristoteles fand als anspruchsvollere Theorie nur wenige Vertreter im Mittelalter (Reimundus Lullus, Nikolaus von Cues) und der Neuzeit (Ferguson, Abel, Schiller). Erst die von Frege, de Saussure, Shannon aufgebaute Zeichentheorie (Semantik und Semiotik) schuf die theoretische Grundlage für die von Aristoteles gedachte Vermittlerposition der “Form” zwischen Substanz und Entelechie – oder in der psychokybernetischen Definition (Benesch, 1988) von Musterbildung zwischen neuronalen Trägerprozessen und psychischer Bedeutung (Träger-Muster-Bedeutung), die im Modell als Schichtung gedacht werden können.

Sowohl die neuronalen Trägerprozesse bilden MusterBahnungsgestalten über variable synaptische Übersprünge von Zelle zu Zelle sowie Rhythmusgestalten in der Zelle und ihrem Fortsatz als elektrische Wellen –, als auch die psychischen Bedeutungsprozesse fußen auf Musterungen: Emotionales als rhythmische Muster, Geistiges als semiotische Denkmuster (worauf die moderne Nachrichtentechnologie beruht). Dadurch wurde das triplexe theoretische Grundmodell geschaffen, das den Monismus/Parallelismus und den Dualismus zur theoretischen Dreischichtigkeit im ursprünglichen aristotelischen Sinn natur- und geisteswissenschaftlich erforschbar vereint. In der Psychokybernetik wird dieses neuronale Grundmodell erweitert durch die Bewußtseinstheorie. Das Zentralnervensystem (ZNS) besteht nicht aus einer egalitären Masse an Nervenzellen, sondern besitzt mehr oder weniger selbständige Einheiten wie die Areale, Module, Hemisphären. Das Zusammenwirken verschiedener Zentren wie u.a. das Broca- und das Wernickezentrum ermöglichen die Fähigkeit zum Sprechen. Auch das Bewußtsein setzt ein Zusammenspiel verschiedener Zentren u.a. durch das Körperbewußtsein, die Zeitwahrnehmung (Zeit), das Kurz- bis Langzeiterinnern (Gedächtnis) für das Wachbewußtsein voraus, deren zeitweilige Ausblendungen den Schlafzustand mit kurzzeitigen Traumphasen (REM-Phasen) ergeben.



Experimentelle Neuropsychologie

1824 fragte der französische Hirnanatom Pierre Flourens: ”Der Bau und die Beschaffenheit der verschiedenen Teile des Gehirns sind augenscheinlich verschieden. Sollten es ihre Verrichtungen nicht auch sein?” Erstmals hatte er in Tierversuchen (Ethik und Tierversuche) Anteile der Hirnmasse systematisch ausgeschaltet und nach Genesung der Tiere ihre funktionellen Ausfälle untersucht. So entstanden bis zur Mitte des 20. Jhd. regelrechte ”Landkarten” der Hirnfunktionen. Der Nachteil dieser Forschungen lag in der Undifferenziertheit und Unübersichtlichkeit der Ergebnisse. Methodische Verfeinerungen erfolgte einerseits u.a. über die Wada-Technik, bei der durch Injektionen bestimmter Nervenlähmungsmittel Einzelareale gezielt ruhiggestellt und mit Funktionsänderungen verglichen werden, andererseits die Remanenz-Technik, bei der z.B. aufregende Erzählungen über einen Mord mit dem Elektroenzephalogramm (EEG) gegenübergestellt werden. Seit die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) die aktiven von passiven Hirnpartien auf Farbmonitoren getrennt darstellen kann, hat sich die Forschungssituation erheblich verbessert. Gegenwärtig werden in der Experimentellen Neuropsychologie hauptsächlich sechs Schwerpunktgebiete speziell bearbeitet.

1) Für die Wahrnehmungspsychologie werden vor allem hirnelektrische Korrelate aus den einzelnen Sinnengebieten untersucht.

2) In der Aktivationspsychologie (Aktivierung) kommt es hauptsächlich auf die organischen Grundlagen der Bewußtseinssteuerung an.

3) Innerhalb der Kognitionspsychologie (Kognition) wurde seit Beginn der EEG-Forschung Veränderung der ß-Rhythmik bei Denkprozessen erforscht.

4) In der vielschichtigen Verhaltensforschung reichen die neuropsychologischen Untersuchungen von den psychophysiologischen Steuerungen vegetativer Prozesse bis zu spezifischen Verhaltensausformungen bei Lernprozessen.

5) Innerhalb einer ”Biologie der Motivation" werden hauptsächlich Antriebskonzepte (Antrieb) neuropsychologisch untersucht.

6) Die neuropsychologische Gedächtnisforschung (Gedächtnis) (Markowitsch, 1992) ist besonders erfolgreich durch die Nachweise erstaunlich vieler Hirninstanzen für die vier erfaßten verschiedenen Speichersysteme des Gedächtnisses: episodischer Speicher (persönliche Erlebnisse), Wissensspeicher (gefühlsneutrale Fakten), prozeduraler Speicher (Handlungs- und Bewegungsautomatik) und der Priming-Speicher (Sinneserfahrung, Wiedererkennen einmal erlebter Situationen).



Klinische Neuropsychologie

Dieser Teil der Neuropsychologie unterscheidet sich von den drei anderen durch die Sicht auf die individuellen Abweichungen in der Lokalisation psychischer Leistungen wie in der Bestimmung von psychischen Störungen durch ihre neuronale Lokalisierung. Die ersten Lokalisationslehren (u.a. Galls “Craniologie”, 1825) gingen von der äußerlichen Schädelmessung aus. Die heutigen technischen Möglichkeit fußen auf zahlreichen Verfahren interner Gehirnerforschung, von ihnen nennen wir: EEG (Elektroenzephalogramm), CT (Computertomogramm), PET (Positronen-Emmisions-Tomographie), NMR (Nuklear-magnetische Resonanzdarstellung). Entsprechend der technischen Verbesserung sind die lokalisatorischen Kenntnisse ständig gewachsen. Ferner haben die außerordentlichen Fortschritte der Neurochirurgie in der Behandlung von Hirnverletzungen, Tumoren, Schlaganfällen zu einer Steigerung der Erkenntnisse über normale und pathologische Lokalisationen geführt. Grob kann folgendes gesagt werden (Zentralnervensystem):

– Schädigungen der Areale des Frontallappens des Gehirns im orbitalen Cortex (Hirnrindenbereich in Augennähe) wurden mit Persönlichkeitsänderungen im Zusammenhang beobachtet;

– im präfrontalen Abschnitt u.a. mit Störungen im Problemlösen, der Apperzeption von Wahrnehmungsinhalten, der verbalen Regulation, im Zusammenhang von Handlungsfolgen und neueren Gedächtnisinhalten;

– im motorischen und prämotorischen Cortex die Desorganisation des verbalen und nonverbalen Ausdrucks und der Rechtschreibung.

– Bei Schäden am Temporallappen wurden u.a. Hörschäden, Behinderungen im Wiedererkennen von Gesichtern, reduziertes Aufnehmen und Verstehen von Sprache (Broca- und Wernicke-Zentrum, auditiver Cortex), Störungen des Langzeitgedächtnisses und Veränderungen des Sexualverhaltens gefunden.

– Beeinträchtigungen des Parietallappens ergaben vorallem Wahrnehmungsstörungen in unterschiedlichen Partialbehinderungen, z.B. gemindertes visuelles Erkennen von Objekten sowie Ausfälle beim Kurzzeitgedächtnis.

– Im Bereich des Occipitallappens ergaben Schädigungen in erster Linie Sehstörungen, so u.a. bezüglich der Wahrnehmung bewegter Objekte, des Entfernungsschätzens, der Farbidentifizierung und Störungen spezieller Leseleistungen.

– Beim limbischen (”angrenzenden”) System, einem weiteren, besonders intensiv untersuchten tiefergelegenen Hirnabschnitt, ergaben Läsionen und elektrische Stimulierungen Hinweise auf seine Funktion für die Kontinuität von Emotionen, sowohl im positiven wie negativen Sinn: statt dauernder Stimmungswechsel bleiben Gefühle personentypisch, z.B. als ’heiteres Gemüt’ oder als Neigung zum ’ängstlichen Paranoiker’.

Wie Forschungsergebnisse im Anfangsstadium übertrieben werden können, lehrt die ”Split-brain-Forschung” (Sperry, ab 1960). In Tierversuchen und bei schwer epileptischen Patienten wurde in Amerika häufig der Balken zwischen beiden Hirnhälften (Corpus callosum) durchtrennt. Die Ausfälle gaben Anlaß, die Funktionen beider Hirnhemisphären strikt zu trennen. Bis zur Gegenwart werden diese Ergebnisse als ”zwei Geiste in einem Gehirn” (verbal versus visuell-räumlich) popularisiert. Gazzaniga (1989), ein Schüler Sperrys, relativierte diese ”Manie”: ”Nicht alle Gehirne sind auf die gleiche Art organisiert."



Vergleichende Neuropsychologie

Die Mehrzahl der experimentellen Untersuchungen in der Neuropsychologie werden an Tieren durchgeführt. Die Vergleichbarkeit dieser Ergebnisse mit möglichen Resultaten beim Menschen mußte deshalb schon frühzeitig problematisiert werden. Das war aber nicht der einzige Grund für den Aufbau einer Vergleichenden Neuropsychologie. Wichtig ist auch die Nähe der Neuropsychologie zur Humanethologie und Psychogenetik. Die Humanethologie (Bösel, 1974) vergleicht Verhaltensänderungen mit dem phylogenetischen Wandel in der Gehirnentwicklung vom Tier zum Menschen (Ethologie, Mensch-Tier-Vergleich). Die Psychogenetik (Weiss, 1982) versucht über die Wandlungen des Gen-Codes der DNA-Informationssubstanz (vielgestaltige Kombination von Adenin, Thymin, Cytosin und Guanin) die evolutionären Verwandtschaftsverhältnisse im Bezug zur psychischen Leistungsfähigkeit zu klären. Zwei Methodengruppen der Vergleichenden Neuropsychologie stechen von den bisher genannten Methoden und Themen besonders ab. Bei experimentellen Dressurversuchen werden u.a. Attrappen oder Wahlmöglichkeiten eingesetzt, um die Zuordnung zwischen jeweils komplizierteren Verhaltensformen (stochastisches Reagieren, gezielter Zufall, Wahlverhalten, Überblicksverhalten) mit den evolutionär komplizierter werdenden Gehirnen in der Tierreihe in Einklang zu bringen. Eine andere Methodengruppe sind die Deprivationsversuche, die ebenfalls nur in sehr engem Rahmen beim Menschen, z.B. als partieller Erfahrungsentzug, durchführbar sind. Durch Isolation von den Artgenossen werden beispielsweise sowohl neurophysiologische wie psychologische Auswirkungen hergestellt und experimentell geprüft.



Ausblick

Trotz der großen Fortschritte der Neuropsychologie in den letzten Jahrzehnten, bestehen auf diesem Gebiet mehr Rätsel, Halbwissen und Unkenntnis als absolut gesicherte Erkenntnisse. Die Einblicke in die Funktionen des Gehirns konzentrieren sich auf ihre Örtlichkeit (wo sie stattfinden), nicht dagegen darauf, wie sie entstehen. Dazu wäre erforderlich, die Grundlagen der Theoretischen Neuropsychologie mit denen der anderen drei Gebiete der Neuropsychologie zu verbinden. Vorläufig wird dies noch kaum als notwendig erkannt.

Literatur

Benesch, H. (1980). Der Ursprung des Geistes. München.

Benesch, H.( 1988). Grundlagen der Psychokybernetik. Frankfurt.

Canavan, A. & Sartory, G. (1990). Klinische Neuropsychologie. Stuttgart.

Gazzaniga, M. S. (1989). Das erkennende Gehirn. Paderborn.

Jantzen, W. (Hrsg.). (1994). Die neuronalen Verstrickungen des Bewußtseins. Münster.

Markowitsch, H. J. (1992). Neuropsychologie des Gedächtnisses. Göttingen.
 
     
 
 
 
     
 
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