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Tod

 
     
   
ist das eine Ereignis, von dem wir sicher wissen, daß es eintreten wird, und doch ist er unvorstellbar. Zwar bedroht er uns ständig, aber wir weigern uns, seine volle Konsequenz zur Kenntnis zu nehmen. Wenn wir ihn uns als Person vorstellen, sehen wir einen Menschen vor uns, der zwar selbst tot ist, nur noch ein Skelett, der aber doch noch sehr aktiv handelt. In diesem Bild lebt die alte Furcht nach, daß die Verstorbenen uns in ihr Totenreich nachholen wollen. Sie hat gewiß zu dem Verbot beigetragen »Du sollst nicht töten«, das zugleich eine der Grundlagen je des Zusammenlebens ist. Dieses Verbot hätte aber niemals formuliert werden müssen, wäre uns der Instinkteigen, der viele Tiere trotz aller Rivalitätskämpfe daran hindert, ihre Artgenossen zu töten. Noch heute wird dieses Verbot in einer Reihe von Situationen außer Kraft gesetzt. Im Kriege wird das Töten sogar zur moralischen Pflicht erklärt. Jeder wird gelegentlich Menschen, die er als Feinde oder auch nur Störer seiner Wünsche empfindet, in Gedanken tot wünschen. Wenn wir sagen »Hol dich der Teufel«, meinen wir eigentlich: »Hol dich der Tod.« Wenn der Knabe in der Oedipus-Situation, der die Mutter begehrt, den Vater weghaben will, denkt er an dessen Tod, der für ihn nichts anderes als eben bloß eine ständige Abwesenheit bedeutet. Wahrscheinlich war der Tod eines Feindes ursprünglich nur von einem Gefühl des Triumphes begleitet, wie es noch heute oft vorherrschen mag. Das Schuldgefühl, das sich einstellt, selbst wenn man an diesem Tod keinen Anteil hat, entspricht der Befriedigung aggressiver (sadistischer) Tendenzen, die man als böse einzuschätzen gelernt hat. Bei Naturvölkern müssen die Männer, die aus einer Stammesfehde heimkehren, sich von der Blutschuld reinigen, die sie als Krieger auf sich geladen haben, ehe sie sich wieder in das friedliche Leben einfügen dürfen. Weit weniger brauchte uns der Tod eines Fremden zu betreffen, den wir weder hassen noch lieben. Doch auch er berührt uns, weil eben jeder Tod uns an die eigene Sterblichkeit erinnert. Der Tod jener Menschen, die eng zu uns gehören, fügt uns darüber hinaus einen unmittelbaren Verlust zu. Wir können ihn erst nach einer seelischen Arbeit, einer Zeit der Trauer, verwinden. Doch auch hier mischen sich Gegengefühle ein, die aus der Ambivalenz aller Empfindungen stammen. Man ist ja auch von Bindungen befreit worden, und es ist eine Art Genugtuung, daß man überlebt hat. Der Schmerz um den Toten läßt solche Emotionen unrecht, ja schuldhaft erscheinen ; sie werden mit einem Schuldgefühl gekoppelt, das die Trauer verstärkt. Da diese Toten ein Stück des eigenen Lebens mit sich genommen haben, mahnt ihr Sterben mehr als jedes andere an das eigene Ende. So will man ihren Tod nicht wahrhaben und versetzt sie in ein anderes Leben, zu dem man noch irgendeine Beziehung anknüpfen könnte, und in das man sich eines Tages wieder zu ihnen gesellen möchte. Indem man ihnen Unsterblichkeit zuschreibt, folgt man dem Wunschglauben an die eigene Unsterblichkeit. Wer sich vorstellt, was geschehen könnte, wenn er einmal gestorben ist, wird bald entdecken, daß er in allen diesen Gedankenbildern noch selbst dabei ist, und sei es wie ein Zuschauer aus einer Turmluke. Jeder empfindet die Welt im Grunde so, als ob es sie ohne ihn gar nicht gäbe. Das Interesse an der Fortpflanzung– und am Ruhm – ist eigentlich ein Versuch, den Unsterblichkeitswunsch irgendwie zu realisieren. Nirgends sonst wird das Dilemma des Menschen zwischen Einsicht in die Realität und der Bindung an das Wunschdenken so deutlich wie in seinem Verhältnis zum Tode. Deshalb wird der Tod mit so vielen abwehrenden und beschwörenden Ritualen umgeben. Deshalb wird er so aus dem alltäglichen Leben in Bezirke wie Krankenhaus und Friedhof abgedrängt. Deshalb redet man am liebsten garnicht von ihm. Weil er unvorstellbar ist, gibt es keine wirkliche Todesangst – nur eine Angst vor den Qualen des Sterbens, die man an anderen miterlebt hat, und die Trennungsangst, die auch so viele weniger absolute Verluste begleitet.
 
     
 
 
 
     
 
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