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Narration

 
     
   
Erzählung; die in Sprache faßbaren Vorstellungen und Geschichten, die z.B. in der Psychotherapie das interaktive Regelwerk bestimmen. ”Erzählung” betont – besonders im Kontext der Systemischen Therapie –, daß sowohl einzelne Menschen als auch Paare, Familien oder Gruppen die Lebenszusammenhänge, vor deren Hintergrund und in denen sie handeln, in Form von Geschichten und Erzählungen gestalten (Wirklichkeitsbeschreibung). Damit wird einerseits die sprachliche Struktur menschlicher Lebenswelten hervorgehoben – einschließlich der tragenden Bedeutung von Metaphern und der typischen ”Verdinglichung” unserer Sprachkultur (komplexe Prozesse, die wir benennen, treten uns oft wie von außen gegebene objektive und dinghafte Realitäten entgegen, z.B. ”Verhaltensstörung”, ”Schizophrenie”, ”Untreue”, und fördern Tendenzen, diese dann auch wie Dinge zu behandeln). Andererseits verweist eine narrative Konstruktion sozialer Wirklichkeit auf die Möglichkeit, ”Erzählungen” umzugestalten und anzupassen. Die Frage, welche Geschichte ”wirklich” ”wahr” ist, birgt in der Paar- und Familiendynamik meist mehr Anlaß zu destruktiven Konflikten und Verhärtungen als zu Klärungen und Lösungsentwürfen. Zumindest für therapeutische Zwecke ist daher die Frage wichtiger, wie solche Narrationen (und die mit ihnen transportierten Metaphern) eine Veränderung und Fortentwicklung behindern, und wie durch Veränderung der Narrationen mehr Handlungsoptionen und Interpretations- sowie Entscheidungsfreiheiten gewonnen werden können.

Für die individuelle Ebene stellte J. Jaynes die Narrativierung als eine wesentliche Eigenschaft des Bewußtseins heraus: Das Bewußtsein ist stets Held inmitten einer Lebensgeschichte, und neue Situationen werden mittels selektiver Wahrnehmung zu Anschlußstücken in Fortsetzungsgeschichten verarbeitet. Wie physiologisch-psychologische Experimente zeigen, liefert das Bewußtsein für jedes x-beliebige Tun, bei dem wir uns ertappen, eine zwingende Erklärung. Auf der Ebene der Familie geht es bei den Narrationen um gemeinsame Definitionen von Wirklichkeit (”Peter ist verhaltensgestört”), leitende Ideen und gemeinsame Überzeugungen (”Wir müssen auf jeden Fall gegen die Bedrohungen durch die anderen zusammenhalten”). Therapie, die konsequent eine narrative Position einnimmt, stellt den Dialog über Wirklichkeitsbeschreibungen ins Zentrum; der Therapeut versteht sich weniger als Fachmann für Wahrnehmungen, Gefühle, Denken und Verhalten einschließlich deren ”Ursachen und Wirkungen” (Diagnostik), sondern als Fachmann für die dialogische Veränderung von einschränkenden, behindernden und destruktiven Narrationen hin zu Erzählungen, die wieder mehr (Er-)Lebens- und Handlungsmöglichkeiten öffnen.

Literatur

Jaynes, J. (1993). Der Ursprung des Bewußtseins. Reinbek: Rowohlt.


 
     
 
 
 
     
 
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