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Zivilisationsprozeß

 
     
   
Zivilisierung, gesellschaftlicher Wandlungsprozeß in der Moderne, durch den soziale „Fremdzwänge“ (N. Elias) in psychische „Selbstzwänge“ umgestaltet wurden. Ausgangspunkt war die vergrößerte Interdependenz der sozialen Beziehungen in den sich ausbildenden Nationalstaaten: Dadurch wurde zuerst der damals politisch führende Adel gezwungen, die kriegerische und ungebundene Lebensform zugunsten „höfischer“ Umgangsweisen beim Essen und Trinken, bei den körperlichen Ausscheidungen sowie den Affekten aufzugeben. Die „Höflichkeit“ wurde später vom politisch aufstrebenden Bürgertum imitiert und noch intensiviert: Anstatt für bloß äußerliche Verhaltensanweisungen sprachen sich bürgerliche Gesellschafts- und Erziehungsprogrammatiker für „echte“ Herzensbildung aus. Dieses als „echt“ empfundene Peinlichkeitsgefühl und die daraus resultierenden Gewissenszwänge sind seither zur „primären Instanz für unsere Entscheidung zwischen „zivilisiertem“ und „unzivilisiertem“ Verhalten geworden. Das Selbstverständnis des Westens, in besonderem Maße zivilisiert zu sein, gehörte im 19. Jahrhundert zu den Voraussetzungen seiner kolonialistischen Unterwerfungspolitik gegenüber „primitiven“ Völkern. Auch die Weltkriege des 20. Jahrhunderts wurden von den Kriegsparteien stets im Namen der Zivilisation gegen die vermeintliche „Unkultur“ geführt. Vermutlich verfügt in Wahrheit aber jede Kultur über funktionierende eigene Maßstäbe zivilisierten Verhaltens. Der Zivilisationsprozeß ging einher mit technischen und administrativen Eingriffen in die Lebensgestaltung, die ebenfalls nicht ausschließlich positiv zu bewerten sind: S. Freud vermutete, daß der Preis für den Kulturfortschritt in der „Glückseinbuße durch die Erhöhung des Schuldgefühls“ bezahlt wird, den materiellen und technischen Wohlstand habe sich der zivilisierte Mensch durch gesteigertes seelisches Leid erkauft. Auch die Folgen für den Körper sind ambivalent zu bewerten: Der Befreiung von Krankheit und Hunger steht die Zunahme der Zivilisationskrankheiten gegenüber. Anders als im Fortschrittsoptimismus der Aufklärung wird der Zivilisationsprozeß in der Öffentlichkeit deshalb schon seit längerem überwiegend ambivalent bewertet.

Literatur

Duerr, H. P. (1988?1997). Der Mythos vom Zivilisationsprozeß. Bd.1-4. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Elias, N. (1992). Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen (2 Bd.; 17. Aufl.). Frankfurt a.M.: Suhrkamp.


 
     
 
 
 
     
 
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