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Gewöhnung

 
     
   
die allmähliche Anpassung an bestimmte Lebensverhältnisse, bis wir sie kaum noch wahrnehmen, oder die Einübung gewisser häufiger Verrichtungen, bis wir sie ohne bewußte Überlegung gleichsam automatisch vollziehen. Mit der Gewöhnung richten wir uns in der Umwelt »wohnlich« ein. Mit ihr können wir uns gegen ständige Leiden abstumpfen, aber wir vermindern auch unser Erleben. Deshalb haben wir immer wieder einmal den Wunsch, die Abkapselung der Gewohnheit zu durchbrechen und uns neuen Reizen, vielleicht gar Abenteuern auszusetzen. Wieder gibt das Verhältnis zur Wohnung ein Beispiel: sie wird uns so selbstverständlich, daß wir uns »mit geschlossenen Augen« darin bewegen können, und manchmal bedrängt sie uns so, daß wir »die Tapeten wechseln« müssen und etwa eine Reise unternehmen –wenn auch in der Gewißheit, daß wir in die gewohnte Umgebung zurücckehren werden. Doch manche Befriedigungen werden uns so wichtig, daß wir uns nicht von ihnen lösen können. Das gilt namentlich für jene Befriedigungen, die relativ leicht, ohne große Anstrengung zu erreichen sind. Es ist außer ordentlich schwer, sich von dem Genuß zu »entwöhnen«, den Alkohol, Rauschgift, gewisse perverse Sexualhandlungen oder die Selbstbefriedigung jeweils vorübergehend gewähren. Den ersten bitteren Verzicht auf eine »selbstverständliche« Befriedigung erlebt das kleine Kind, das von der Mutter gestillt worden ist, wenn es »entwöhnt« wird. Der gewohnheitsmäßige Ablauf vieler täglicher Verrichtungen stellt eine ungeheure Erleichterung des Lebens dar. Diese Gewohnheiten werden nur zum Teil erlernt oder bewußt eingeübt; oft prägt sich nach einer Phase des Probierens dauerhaft ein, wie man mit der entsprechenden Verrichtung »am besten fertig wird«. Das Automatische des Ablaufs merkt man erst, wenn er irgendwie gestört wird; dann fällt es oft schwer, die Verrichtung überhaupt korrekt zu Ende zu bringen. Die Störung mag von außen kommen, aber sie kann auch deshalb eintreten, weil wir über die Verrichtung plötzlich nachdenken. Ein Radfahrer, der über jede Bewegung nachdenken wollte, die er vollziehen muß, würde vermutlich bald stürzen. Gewohnheit und Gewöhnung werden zur Gefahr, wenn sie Bereiche erfassen, die zu den höheren Seelentätigkeiten gehören. Wenn wir uns nicht immer wieder einmal unseres Selbst bewußt werden, oder wenn wir unsere Beziehungen zu den nahen Mitmenschen nur noch als »Selbstverständlichkeiten« erleben, nähern wir uns dem empfindungslosen Verhalten von Robotern. Roboter können zwar nicht rebellieren, aber sie können auch nicht aus sich selbst heraus agieren. Roboter können zwar nicht leiden, aber sie kennen auch kein Glück.
 
     
 
 
 
     
 
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