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Postmoderne Psychologie

 
     
   
. Der postmoderne Diskurs, der ausgehend von der Philosophie auch die anderen Human- und Sozialwissenschaften erreicht hat, stellt eine kritische Anfrage an das moderne Selbstverständnis dar. In dessen Zentrum steht der Anspruch, durch eine immer vollständigere rationale Durchdringung der Welt ihre Beherrschung vervollkommnen zu können. Die Psychologie ist - historisch und von ihren systematischen Ansprüchen her gesehen - ein Kind der Moderne. Sie wäre gar nicht möglich gewesen, wenn sich nicht das "bürgerliche Subjekt" aus den feudalen Abhängigkeiten und Weltbildern befreit hätte. Kants Idee von Aufklärung als der Überwindung ”selbstverschuldeter Unmündigkeit” hat dem denkenden Subjekt einen zentralen Stellenwert eingeräumt. Mit dieser Einsicht war ein ungeheuerer Reflexionsschub verbunden, aber zugleich hat die Psychologie den eigenen Reflexionsprozeß auf einem Niveau abgebrochen, das Rationalität im Sinne der modernen Naturwissenschaften versprach. Sie begab sich auf den Weg der "Entdeckung" kultur- und kontextfreier universeller Gesetze des Psychischen. Das war der Weg der Moderne, dessen geistiges Baugerüst Descartes errichtet hat. Gestützt durch dieses geistige Baugerüst hat sich die Psychologie erfolgreich institutionalisiert und professionalisiert. Aber sie hat damit auch Anteil an jenem Prozeß der Selbstdogmatisierung, in dessen Gefolge Vernunft und wissenschaftliche Rationalität mit den instrumentellen Rationalitätskriterien der Naturwissenschaften gleichgesetzt wurden. Das "Projekt der Moderne" hat sich in seinen reflexiven Möglichkeiten "halbiert". Spürbar wird dies vor allem im Bereich der Ökologie: Die Technologien der Moderne gefährden heute zunehmend die Lebensgrundlagen der gesamten Gattung.

Dies wird heute in allen Sozialwissenschaften und in der Philosophie diskutiert und das ist der systematische Ort der "postmodernen Kritik". Sie artikuliert sich als Zweifel an den Segnungen der Moderne, vor allem kritisiert sie deren "Verengungen und Verkrustungen" (Welsch), also den Verlust an Reflexivität auf ihre eigenen Grundlagen. Sie nährt systematisch den Zweifel an der "modernen Glaubensgewißheit", man könne die Welt oder auch das Subjekt aus einem universellen Rationalitätsmodell begreifen. Eine postmodern reflektierte Psychologie verabschiedet sich von fragwürdigen Universalitätsansprüchen, ”dekonstruiert” sie und wendet sich zunehmend dem Besonderen, dem Lokalen und Zeitgebundenen zu. In ihr Zentrum rückt die Analyse von Diskursen und Narrationen, in denen sich Menschen ihre Selbst- und Weltkonstruktionen schaffen. Sie favorisiert Methoden im Sinne der qualitativen Forschungstradition, durch die die Sinnkonstruktionen in der Alltagswelt rekonstruiert werden können.

Literatur

Kvale, Steinar (Hrsg.) (1992). Psychology and postmodernism. London: Sage.


 
     
 
 
 
     
 
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