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Selbstregulation organismische

 
     
   
ein Begriff der sogenannten Humanistischen Psychotherapieverfahren (Gestalttherapie, Gesprächspsychotherapie). Ausdruck der Organismischen Selbstregulation ist das aus der Gestalttherapie stammende Konzept der Figur-Hintergrund-Bildung. Jegliches Bedürfnis, ob physiologisch/biologisch, kognitiv oder emotional, tritt dann aus dem Hintergrund heraus und wird zur Figur, wenn es sich als solches manifestiert und wahrgenommen wird. Automatisch sucht der ganze Organismus nun nach Möglichkeiten, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Dies kann er dadurch tun, daß er sich daran erinnert, wie er gleiche oder ähnliche Bedürfnisse in der Vergangenheit befriedigt hat, oder er entwickelt eine neue Strategie. Anschließend wird der Organismus aktiv und handelt entsprechend, bis sein Bedürfnis befriedigt ist. Ist das geschehen, tritt es aus dem Vordergrund (Figur) zurück, wird wieder Hintergrund und macht dem nächsten Bedürfnis (Figur) Platz. Diese Ereignisfolge wird als ”Kontaktzyklus” (Zinker, 1998) bezeichnet.

Prinzipiell folgt dieses Konzept der Hypothese humanistisch orientierter Therapeuten, daß der Organismus (der Patient als Ganzes) ständig bestrebt ist, ein inneres Gleichgewicht (Homöostase) aufrechtzuerhalten. Dieses Gleichgewicht wird immer dann ”gestört” (soll hier nicht ausschließlich im pathologischen Sinne verstanden werden), wenn, wie oben beschrieben, ein Bedürfnis im Organismus auftaucht, welches nach Befriedigung verlangt. Der Organismus wird dann alle seine Möglichkeiten in Gang setzen, dieses Bedürfnis zu befriedigen, um wieder das verlorene Gleichgewicht zu erlangen.

In diesem Sinne wird das Symptom, unter dem der Patient leidet, als aktiver Lösungsversuch des Organismus interpretiert, ein verlorenes Gleichgewicht wiederherzustellen, und stellt an sich eine positive Leistung dar, die vom humanistisch orientierten Psychotherapeuten entsprechend gewürdigt wird. Die Tatsache, daß der Organismus dieses Manöver (psychisches Symptom) ”wählt”, beim Versuch, sich wieder ins Gleichgewicht zu bringen, offenbart seine Tendenz, selbstregulative Maßnahmen einzuleiten, und wird als ”Wissen um die richtige Richtung” (zur Wiedererlangung des verlorenen Gleichgewichts) interpretiert.

”Normalität” ist in diesem Zusammenhang mit einem freien Fluß der Figur-Hintergrund-Bildung assoziiert. Beim gesunden Menschen vollzieht sich die Organismische Selbstregulation ohne jegliches Zutun von außen und ohne Mühe. Im pathologischen Fall ist diese Funktion mehr oder weniger massiv gestört. Dies kann sich auf verschiedene Weisen ausdrücken: Ein Bedürfnis kann nicht Figur werden (bspw. das Bedürfnis eines Menschen mit sozialen Ängsten, “Nein” zu sagen), weil es mit einem Verbot bzw. mit einer Befürchtung behaftet ist (in unserem Beispiel: die Befürchtung, den Menschen, dem man “Nein” gesagt hat, zu verlieren). Anderseits ist die Organismische Selbstregulation auch dann gestört, wenn ein Bedürfnis Figur geworden ist und nicht mehr in den Hintergrund zurücktritt (bspw. bei Menschen, die unter paranoiden Psychosen leiden, ist immer die Befürchtung, daß die anderen negativ über sie denken, im Vordergrund).

Die Aufgabe des Therapeuten besteht darin, der Richtung der Organismischen Selbstregulation zu folgen und diese in ihrer Wirkung zu unterstützen. Dementsprechend muß er auch nichts Besonderes ”tun”, außer wachsam für die Blockaden und Stagnationen des Patienten zu sein (vgl. auch das non-direktive Vorgehen der Klientenzentrierten Psychotherapie). ”Das Prinzip der Organismischen Selbstregulation impliziert, daß der Organismus in der Lage ist, seine Bedürfnisse...selbständig zu regeln” (Hansen & Hansberg-Schröder, 1990, S. 39f).

Literatur

Hansen, G. & Hansberg-Schröder, D. (1990). Analytische Gestalttherapie. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.

Zinker, J. (1996). Gestalttherapie als kreativer Prozeß (6. Aufl.). Paderborn: Junfermann.


 
     
 
 
 
     
 
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