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Schriftpsychologie

 
     
   
diejenige Teildisziplin der Psychologie, die die Entstehungsbedingungen sowie die Erfaßbarkeit und diagnostische Auswertbarkeit der Handschrift erforscht. Einsatzbereiche sind vor allem Persönlichkeitsdiagnostik und Schriftenvergleichung, aber auch Arzneimitteldosierung. Die Schriftpsychologie ist aus der Graphologie hervorgegangen, unterscheidet sich aber von dieser grundsätzlich in ihrem Wissenschaftsverständnis. Der Unterschied zwischen den beiden Zweigen der Handschriftendiagnostik ist allerdings bislang noch nicht Allgemeingut.

Die wissenschaftlichen Voraussetzungen der Schriftpsychologie lassen sich in folgenden vier Grundhypothesen verbalisieren:

1) Als Handschrift bezeichnet man die nach vollzogenem Schreibakt auf der Schreibfläche zurückgebliebene Spur.

2) Jede Handschrift besteht aus einer großen Anzahl weitgehend unabhängig voneinander variierender graphischer Variablen, die objektiv erfaßbar sind.

3) Die in einer Handschrift registrierbaren graphischen Variablen erscheinen in gleicher Ausprägung in allen vom selben Schrifturheber gleichzeitig produzierten Schriftproben.

4) Aufgrund von Handschriftenvariablen, ihren Teilen (einzelnen Ausprägungsgraden) oder Syndromen von derartigen Variablen und/oder Variablenteilen lassen sich valide Aussagen über die Persönlichkeit des Schrifturhebers erstellen.

Hypothese 1 hat axiomatischen Charakter. Zur wissenschaftlichen Begründung der Schriftvergleichung genügt die Verifizierung der Hypothesen 2 und 3.

In den Aufgabenbereich der Schriftpsychologie gehören folglich vor allem folgende Momente: Die Definition der einzelnen Handschriftenvariablen, die Feststellung ihrer Objektivität und Reliabilität, die Erstellung von Deutungshypothesen mit zugehörigen Auswertungsanweisungen sowie der Gültigkeitsnachweis für sämtliche Grund- und Folgehypothesen. Die Überprüfung geschieht mit Hilfe der in der Graphometrie zu Gebote stehenden Methoden.

1927 publizierte Joachim-Friedrich von Foerster erstmalig Vorschläge für statistisch begründete Reliabilitäts- und Validitätsuntersuchungen (Reliabilität, Validität). Damit hatte er den Grundstein für die heutige Schriftpsychologie gelegt. Die Bezeichnung selbst kommt erst am Anfang der 50er Jahre in Gebrauch. Die ersten umfassenden Objektivitätsuntersuchungen an Handschriftenvariablen wurden ab 1953 in Schweden durchgeführt. Die Thesen und Ergebnisse dieser Untersuchungen wurden vor allem am Psychologischen Institut der Universität Freiburg unter der Leitung von Robert Heiss überprüft. Gleichzeitig wurde der Gültigkeitsnachweis für schriftpsychologische Aussagen angestrebt (s. vor allem die in der "Bielefelder Graphologischen Bibliographie" von Oskar Lockowandt (1988) aufgeführten Freiburger Dissertationen ab 1960). Seither sind Hunderte von Objektivitäts- und Validitätsuntersuchungen unterschiedlichster Art und Qualität vorgelegt worden.

Eindeutig definierte Handschriftenvariablen lassen sich mit Sicherheit identifizieren und messen. Zwischen der Handschrift und der Persönlichkeit ihres Urhebers bestehen statistisch signifikante Zusammenhänge. Die bei Gültigkeitsuntersuchungen gefundenen Validitätswerte entsprechen den bei vergleichbaren Methoden gewonnenen Werten. Die solitäre Anwendung der Handschrift als psychodiagnostisches Instrument ist daher unzulässig. Aufgrund der Schriftanalyse gewonnene Daten können jedoch mit Vorteil als Ergänzung zu und zum Vergleich mit anderen diagnostischen Verfahren dienen.

Anfang der 90er Jahre wurde eine testähnliche systematisierte Handschriftendiagnostik entwickelt, die die Zusammenstellung von Schrift-Testbatterien ermöglicht.

Literatur

Lockowandt, O. (1988). Bielefelder Graphologische Bibliographie. Bielefeld.

Seibt, A. (1999). Forensische Schriftgutachten – Einführung in Methode und Praxis. München: Beck.

Wallner, T. (1998). Lehrbuch der Schriftpsychologie. Heidelberg: Asanger.


 
     
 
 
 
     
 
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