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Klinische Psychoanalyse

 
     
   
wird gelegentlich mit den etwas älteren Begriffen der Allgemeinen und Speziellen Neurosenlehre synonym verwandt; der Begriff der Neurosenlehre erscheint seit geraumer Zeit aber nicht mehr ausreichend zu sein, um das Tätigkeitsfeld des klinischen Psychoanalytikers angemessen abzudecken. Mehrere Veränderungen gilt es bei diesem Begriffswandel zu berücksichtigen: Es wurde empirisch und konzeptuell notwendig, spezifische Konfliktmuster und Konfliktverarbeitungsmodi, wie z.B. hysterische oder zwanghafte, mit einer zweiten Achse zu kombinieren. Diese erfaßt den Ausprägungsgrad an entwicklungspsychologisch erwartbaren Kompetenzen eines sog. normalen Individuums und beeinhaltet z.B. die Güte von Selbst- und Fremdwahrnehmung, die Affektregulation, die Reife der Abwehroperationen, das Ausmaß der Bindungsfähigkeit. Zum einen bezeichnet nun der Begriff der Neurose nur noch die psychischen Störungen auf einem mittleren Persönlichkeitsstruktur-Niveau; erfaßt aber nicht diejenigen Konfliktmuster, die auf einem wenig integrierten Niveau, auch als Borderline-Niveau bezeichnet, verortet werden (Borderline-Persönlichkeitsstörung). Persönlichkeitsstörungen, wie z.B. narzißtische, schizoide, soziopathische, masochistische weisen aber oftmals dieses Persönlichkeitsstruktur-Niveau auf. Zum zweiten führt die stärkere Berücksichtigung von Traumatisierungen im Entwicklungsprozeß zu einer stärkeren Gewichtung von traumabedingten Entwicklungsbeeinträchtigungen, die wiederum zu bestimmten Persönlichkeitsstörungen führen. Und drittens haben die Ausweitung der Indikation und die Modifizierung der klassischen psychoanalytischen Standardtechnik es mit sich gebracht, daß heutzutage ein weites Spektrum von Krankheitsbildern klinisch psychoanalytisch konzeptualisiert und behandelt wird. Dazu gehören vor allem neben den bereits erwähnten Psychoneurosen und Persönlichkeitsstörungen auch die sog. Organneurosen,wie z.B. Somatisierungssyndrome, psychogene Schmerzsyndrome, Psychosomatosen, wie z.B. Ulcus ventriculi et duodeni, Neurodermitis, rheumatoide Arthritis, Verhaltenstörungen, wie z.B. psychogene Eßstörungen, Suchtverhalten, autoaggressives Verhalten, Perversionen und schließlich noch posttraumatische Neurosen (Psychosomatik).

Zur klinischen Psychoanalyse gehört aber auch die Indikationslehre, d.h. die Reflexion über eine optimale Zuordnung bestimmter psychoanalytischer und tiefenpsychologischer Behandlungsverfahren zu bestimmten Krankheitsbildern. Für die Behandlung von neurotischen Konflikten ist z.B. die analytische Psychotherapie mit drei Wochenstunden in der Regel angezeigt; bei Borderlinestörungen eine modifizierte psychoanalytische Vorgehensweise mit einer Begrenzung der Übertragungsregression; bei leichteren Störungen kann eine psychoanalytische Fokaltherapie indiziert sein; bei manchen Psychosomatosen hingegen eine stützende, reparative tiefenpsychologische Therapieform.

Literatur

Ermann, M. (1997). Psychotherapeutische und psychosomatische Medizin (2. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.


 
     
 
 
 
     
 
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