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Sinnrekonstruktion objektive

 
     
   
zielt darauf ab, latente, objektive Sinnstrukturen zu rekonstruieren und unterscheidet sich in zweierlei Hinsicht von der subjektiven Sinnrekonstruktion (Sinnrekonstruktion, subjektive): Zum einen sind hier nicht die erforschten Personen, sondern – wie beim quantitativen Forschungsansatz (Forschungsmethoden) – wieder die Forscher die "eigentlichen Experten"; zum anderen geht es bei der Auswertung nicht um eine durch Kodierung erreichte Verdichtung des Materials, sondern im Gegenteil um eine explizierende Ausweitung. Dies wird durch eine sequentielle Analyse der in den Daten dokumentierten Interaktionen erreicht. Das heißt: Die zu analysierenden Interaktionselemente sind in ihrer natürlichen Abfolge zu betrachten; das zweite Element darf erst dann analysiert werden, wenn das erste Element so vollständig wie irgend möglich analysiert worden ist. Daher kommt der Analyse der Eingangssequenz ein besonderer Stellenwert zu. Diese muß zunächst in all ihren denkbaren Bedeutungen (”Lesarten”) gedankenexperimentell durchgespielt werden; dabei ist zu vermeiden, für diese vorläufige Interpretation andere (nachfolgende oder externe) Datenelemente heranzuziehen. Im Lichte dieser vielfältigen möglichen Bedeutungen wird dann die folgende Datensequenz daraufhin analysiert, inwieweit sie zuvor eruierte Lesarten bestätigt, modifiziert oder widerlegt. Die Vielgestaltigkeit der zu Beginn gelieferten Deutungen wird dabei mit jedem neu hinzugekommenen Analyseelement immer enger fokussiert und damit auch immer konkreter.

Diesem sequentiellen Vorgehen liegt die Überzeugung zugrunde, daß Akteure in ihrem Handeln wesentlich von latenten Sinnstrukturen geleitet werden, die gerade aufgrund ihrer Latenz den meisten Menschen mental kaum präsent sind und infolgedessen auch nicht – etwa im Verlauf eines Leitfadeninterviews – einfach abgefragt werden können. Gerade weil sie latent sind, sind sie in ihrer Handlungsanleitung so erfolgreich. Aus der Perspektive dieses Analyseansatzes haben Menschen oft sogar falsche Vorstellungen von dem, was sie tatsächlich umtreibt: Sie ”verdrängen” oder ”rationalisieren” z.B. im psychoanalytischen Sinne, oder sie sind z.B. in einem politischen Sinne “ideologisch verblendet”. Diese latenten Strukturen reproduzieren sich durch die Handlungen der Menschen hindurch, können sich durch diese Handlungen gegebenenfalls aber auch verändern. Die Aufgabe der handlungsentlasteten Wissenschaftler besteht mithin darin, diese Reproduktions- bzw. Modifikationsmechanismen von latenten Sinnstrukturen am qualitativen empirischen Material herauszuarbeiten. Durch das sequentielle Vorgehen wird dem Rechnung getragen. Die Hauptfrage ist dabei immer: Wie reproduzieren (oder modifizieren) sich Kognitions-, Emotions-, Interaktions-, Entscheidungs-, Herrschafts-, Traditions-, Wissensstrukturen usw. durch soziale Handlungen hindurch? Neben der Psychoanalyse und der Kritischen Theorie liefern insbesondere die strukturalistisch orientierte Ethnologie, die Ethnomethodologie und die objektive (bzw. neuerdings die strukturale) Hermeneutik Wissenschaftsmodelle, die dieses sequentielle Vorgehen bei qualitativen Auswertungen nahelegen. Bei diesem Forschungsansatz können am Ende auch Fallkontrastierungen und Typenbildungen stehen: Diese sind der wesentlich wichtigeren Detailarbeit am Fall jedoch eindeutig nachgeordnet.

Literatur

Garfinkel, H. (1967). Studies in Ethnomethodology. Englewood Cliffs: Prentice-Hall.

Oevermann, U., Allert, T., Konau, E. & Krambeck, J. (1979). Die Methodologie einer ”objektiven” Hermeneutik und ihre allgemeine forschungslogische Bedeutung in den Sozialwissenschaften. In H.-G. Soeffner(Hrsg.), Interpretative Verfahren in den Sozial- und Textwissenschaften. Stuttgart: Metzler.


 
     
 
 
 
     
 
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