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dynamisch Unbewußtes

 
     
   
Sichtweise der Psychoanalyse vom Unbewußten im Vergleich zum "kognitiv Unbewußten" der Kognitiven Psychologie. Hatte Freud noch große Schwierigkeiten, gegen die damalige Bewußtseinsphilosophie unbewußt psychische Prozesse zu behaupten, und blieb dieses Postulat lange Zeit der hauptsächliche Grund, die gesamte psychoanalytische Theorie abzulehnen, so gilt 50 Jahre nach seinem Tod die Annahme unbewußter Vorgänge in der Psychologie und in den Neurowissenschaften als selbstverständlich: seit nämlich kognitive Psychologen in den 70er Jahren die Denk- und Forschungsrestriktionen ihrer behavioristischen Vorgänger aufhoben und die Existenz komplexer, unbewußter Operationen auf empirisch-experimentellem Weg nachwiesen.

Gleichwohl dürfen die bedeutsamen Unterschiede in der Auffassung des Unbewußten in der Kognitiven Psychologie und in der Psychoanalyse nicht übersehen werden. Das dynamisch Unbewußte besteht aus Triebrepräsentanzen bzw. Objektbeziehungsrepräsentanzen, deren ursprüngliche Inhalte aufgrund von Konflikt (nach Freud) und Trauma nicht mehr bewußt werden können, weil sie verdrängt sind, die aber dennoch ihre Dynamik behalten und sich über Triebabkömmlinge und Kompromißbildungen Geltung im Bewußtsein und im Erleben verschaffen, oftmals allerdings erst viele Jahre später. Während diese Auffassung bis zum heutigen Tag Gültigkeit beansprucht, ist eine weitere Annahme Freuds doch einer erheblichen Revision unterzogen worden. Jene geht davon aus, daß im dynamisch Unbewußten eigene Gesetzmäßigkeiten vorherrschen, die des Primärpozesses, d.h. eines alogischen und akausalen Denk- und Wahr-nehmungsprozesses im Unterschied zum Sekundärprozeß des Bewußtseins mit seinen formal logischen Denkweisen.

Im Unterschied zum dynamisch Unbewußten bezeichnet das kognitiv Unbewußte Wahrnehmungs-, Informationsverarbeitungs- und Gedächtnisprozesse, die mit kaum vorstellbarer Geschwindigkeit ablaufen und von denen nur die Resultate bewußt werden, niemals aber die einzelnen Algorithmen, die z.B. für eine bestimmte Wahrnehmungs-Bewegungs-Koordination erforderlich sind.Wenn Freud von Abwehrmechanismen als unbewußten Vorgängen im Ich sprach, kam er der heutigen Vorstellung des kognitiv Unbewußten bereits sehr nahe. Im Rahmen einer embodied cognitive science wird die ausschließlich kognitive Konzeptualisierung dieser Verarbeitungsprozesse in jüngster Zeit kritisiert, und es wird gefordert, dem Emotionalen und Motivationalen mehr Bedeutung einzuräumen. Ungeachtet aller noch bestehenden theoretischen und methodischen Unterschiede ergibt sich in der Gegenwart somit eine konzeptuelle Annäherung in dem Verständnis des kognitiv und des dynamisch Unbewußten.

Literatur

Bornstein, R.F. & Masling, J.M. (Eds). (1998). Empirical perspectives on the psychoanalytic unconscious. Washington, DC: American Psychological Association.


 
     
 
 
 
     
 
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