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Psychologielexikon

Überarbeitete Ausgabe

Psychologielexikon

Typenlehre von Jaensch

Autor
Autor:
Irene Roubicek-Solms

Ergänzung der Typologie Pfahlers (mit dem "nördlichen", “nordischen”, “westischen" und “ostischen" Typus) mit dem des kranken, entarteten minder- und unterwertigen “Gegentypus" der Zersetzung und Auflösung (des “S-lytischen Typus"), mit dessen Hilfe er den minderwertigen Charakter von Juden und Franzosen nachweisen wollte und den er dem des gesunden, starken und aufsteigenden Typus entgegensetzte. Der S-Typus geht u.a. aus der Rassenmischung hervor und ist etwas Krankhaftes und Normwidriges. Die Juden wurden nach Jaensch die Hauptvertreter des S-Typus. Die Überlegenheit der nordischen Rasse wurde "wissenschaftlich" legitimiert. Es galt, dem S-Typus – dem Gegentypus – ein Ende zu machen: "Die deutsche Bewegung ist eine Virenzbewegung, eine Bewegung der Volksgesundung und Kulturerhöhung. Indem sie der Vorherrschaft des “Gegentypus” in der Kultur ein Ende zu machen sucht, löst sie eine Aufgabe, zunächst für Deutschland, damit aber zugleich für die Welt" (Jaensch, 1934, 58). Gleichwohl spielte die Typologie von Jaensch für die politische Realität kaum eine Rolle und stieß auch bei den NS-Politikern auf keine große Resonanz: Den Nationalsozialisten ihre Weltanschauung zu erklären – eine solche Relevanz der eigenen Theorie gehörte zu den Hoffnungen von Professoren, nicht zu den Realitäten des NS-Staates. Größeren Einfluß hatten Jaenschs Ideen offensichtlich im Kreise der “scientific community" ausgeübt. So übernahm z.B. Konrad Lorenz das Vokabular von Jaensch und zog Parallelen zwischen vorübergehenden Verhaltensstörungen (Promiskuität!) von "heranreifenden Gänsen" zur "lytischen Phase" von Jugendlichen (1939, 145). In Heinz Rempleins "Psychologie der Persönlichkeit" (1954) wurde noch ein Jahrzehnt nach dem Ende des Naziterrors die Typologie von Jaensch gepriesen: "Über den Einschränkungen darf der hohe Wert der Typenlehre von Jaensch nicht übersehen werden. Integration und Desintegration, Strukturstabilität und -labilität, Ganz- und Teillabilität, unorganisch aufgestülpter Oberbau sind Gesichtspunkte, die in der Persönlichkeitsdiagnostik nicht mehr entbehrt werden können, gleich ob man die Typologie von Jaensch als ganze oder bis in alle Einzelheiten übernimmt oder nicht."


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