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Jahreszeiten

 
     
  haben einen deutlichen Einfluß auf unser seelisches Leben. Viele Feste markieren ihren Wechsel. Vor allem der Frühling wurde immer und wird noch als Wiedererwachen der Natur begrüßt. Es ist, als ob der Mensch damit Schritt halten wollte, so stürmisch melden sich im Frühling die Bedürfnisse der Liebe und Sexualität. Die Frühlingsfeste wurden einst mit rituellen Orgien begangen, in denen man zugleich das Aufsprießen in der Natur magisch anregen wollte. Dieser Aufbruch ist eine kritische Zeit; die kultischen Feiern sollten vor den Gefahren des Triebüberschwangs sichern. In unserer Zeit sind solche Sitten bis zur Unkenntlichkeit verblaßt, aber die Krise des Frühlings läßt sich noch immer erkennen. In dieser Jahreszeit erleben auffallend viele alte Menschen und Kranke einen letzten Aufschwung, der sich aber nicht mehr durchsetzen kann, sondern mit ihrem Tod endet. Auch die Selbstmordrate steigt. Man hat den Jahresablauf oft mit dem Lebensablauf verglichen. Tatsächlich ähnelt der Aufschwung und die Krise des Frühlings den schönen wie den schwierigen Erfahrungen zwischen Pubertät und Adoleszenz. Der Sommer erscheint dann als Vorbild der Reifezeit, und die Periode nach den Wechseljahren hat man oft als »Herbst des Lebens« bezeichnet. Die dritte Jahreszeit hat trotz der Ernte, die sie uns schenkt, und trotz ihrer »goldenen Farben« einen melancholischen Zug. Wieder steigt die Zahl der seelischen Krisen und der Verzweiflungen, die zum Freitod führen. Keine Jahreszeit freilich legt fest, wie wir sie erleben. Der Winter, der so vielen Menschen als tote Zeit erscheint, ist für andere eine Periode der Besinnung, der Zurückgezogenheit, der heimischen Geborgenheit »hinterm Ofen«. Winterfeste (heute: Weihnachten) sollen helfen, mitten in der Zeit der langen Nächte, der kahlen Felder und der Kälte neue Hoffnung zu schöpfen. Das Sterben der Natur im Winter und ihr Wiedererwachen im Frühling hat wesentlich zum Glauben des Menschen an sein Weiterleben nach dem Tode beigetragen. Gewiß ist der Einfluß der Jahreszeiten auf unsere psychische Verfassung in der künstlichen Umwelt unserer Städte, Büros und Fabriken sehr zurückgegangen, aber aufgehört hat er nicht.  
     
 
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James
 
     
     
 

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