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Körperfehler

 
     
   
ob angeboren oder erworben, müssen die mitmenschlichen Beziehungen und damit das gesamte seelische Leben einschneidend beeinflussen. Manche von ihnen, wie Blindheit und Taubheit, schränken die Erlebnisfähigkeit, andere, wie die Verkümmerung oder Lähmung der Bewegungsorgane, die Aktivität sehr ein. Wieder andere beeinträchtigen in erster Linie das Aussehen, und ihre abschreckende Wirkung auf die Mitmenschen kann in die Isolation treiben wie ein »Kainsmal«. Doch kann ein Körperfehler auch eine Art Trotz wecken, sodaß die Minderwertigkeit durch besondere Leistungen überkompensiert wird. Henri Toulouse-Lautrec, der Sproß eines alten Adelsgeschlechtes, bei dem mehrere schwere Unfälle eine Fehlentwicklung zum häßlichen Zwerg ausgelöst hatten, bildete wie zum Ausgleich seine künstlerische Begabung so aus, wie er es anders vielleicht nie getan hätte. Aber die großartigen Bilder und Zeichnungen, die er nun schuf, halfen ihm nicht über den Liebesmangel hinweg, den seine Mißgestalt verursachte; letztlich ist er doch noch gescheitert. Emil Ludwig hat in seiner Biographie Wilhelms II. die Großsprecherei wie die innere Unsicherheit des letzten deutschen Kaisers als Ausdruck eines Minderwertigkeitsgefühls wegen des verkürzten Armes verstanden. Ihm hielt Freud entgegen, daß ein verkrüppeltes Kind oft die ganz besondere Liebe der Mutter genießt und daraus ein Selbstgefühl gewinnt, das den Körperfehler mehr als ausgleichen kann; Wilhelm aber sei als Kind von seiner Mutter ganz und gar abgelehnt worden, und daraus erst ergab sich sein Charakter. Ein buckliger, fast zwergenhafter Journalist entwickelte aus seiner Benachteiligung ein so entschlossen trotziges Selbstgefühl, daß die Nazis ihn als anfeuernden Redner vor einrückenden Matrosen einsetzten. Aber seinen bitteren Zynismus überwand er erst, als er die Liebe einer schönen, stattlichen Frau gewonnen hatte und der Vater eines gesunden Kindes geworden war. Daß wir für einen Fehler sogar halten, was nur eine an sich gleichwertige Abweichung der Norm ist, zeigt sich an der Ablehnung der Linkshänder. Zwar sind sie tatsächlich benachteiligt, weil viele Geräte für den Gebrauch von Rechtshändern eingerichtet sind, so daß sie schwerer damit umgehen können. Aber entscheidend beeinträchtigt werden sie erst durch eine Erziehung, die sie um jeden Preis zu Rechtshändern machen will, was ernsthafte Störungen zur Folge haben muß. Selbst wenn sie sich zur Linkshändigkeit bekennen, stoßen sie immer wieder auf Ablehnung als »Linkspatsche«, als »linkisch«, und fühlen sich isoliert.
 
     
 
 
 
     
 
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