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Leib-Seele

 
     
   
ein Grundverhältnis, das Philosophen, Theologen, Moralisten und die wissenschaftliche Menschenkunde in allen ihren Zweigen immer wieder beschäftigt hat. Schon lange vor dem Christentum neigte man dazu, Leib und Seele als zwei verschiedene Wesenheiten aufzufassen und in der Seele eine unsterbliche Kraft zu sehen, die während des irdischen Lebens im Körper nur gefangen sei. Daraus ergab sich die Forderung, die körperlichen Bedingtheiten und Bedürfnisse so weit als möglich zu überwinden. Mit dem Sieg der Naturwissenschaften entstand im Gegensatz dazu die Auffassung, das seelische Leben sei nur Ausdruck körperlicher Vorgänge. Wieder andere Denker sahen in Leib und Seele zwar zwei verschiedene, aber gleichwertige Prinzipien, die entweder unabhängig voneinander existieren, sodaß ihre Abstimmung aufeinander sich nur durch einen göttlichen Eingriff erklären ließe, oder die von vornherein aufeinander-zu organisiert sind. Aus allen diesen Ideen erwuchs die Gefahr, entweder den Körper zu vernachläs sigen und seine Bedürfnisse geringzuachten, oder aber die psychischen Gegebenheiten zu verkennen. So lag es nahe, eine Art Feindschaft zwischen Leib und Seele anzunehmen. Die Seele, von der die Religion spricht, ist ein Gegenstand des Glaubens, über den man nichts wissen, nichts beweisen und nichts widerlegen kann. Die Psyche im Sinne der Wissenschaft ist an den Körper gebunden. Ihr Organ ist das Gehirn als die Schaltzentrale der Eindrücke, die durch die Sinnesorgane aufgenommen und über das Nervensystem vermittelt werden, und der Bedürfnisse aus dem Triebleben. Die Triebe selbst können als Kräfte des körperlichen Lebens aufgefaßt werden, die sich direkt in seelische Kräfte umwandeln. Es gibt also keine bestimmte Grenze zwischen Leib und Seele. Der Körper ist von der Psyche ebenso abhängig wie die Seele vom Leib. Das zeigt sich zum Beispiel in dem Zusammenhang von Körperbau und Charakter, den Ernst Kretschmer aufgedeckt hat. Eine Art Umkehrung sieht man in der Akzeleration, der modernen Zunahme des Längenwachstums, die zum größten Teil auf Eindrücke aus der Umwelt, also auf psychische Vorgänge zurückgeht. Durch bestimmte Körperhaltungen und Körperübungen läßt sich die Seelenlage beeinflussen (Autogenes Training, Meditation, Yoga). Wenn man sich in seelische Stimmungen versetzt, kann man Körperempfindungen wie Hunger und Schmerz weitgehend ausschalten. Sichtbare Ausdrücke der psychischen Verfassung wie Erröten, Erbleichen, Tränen, Gänsehaut, Schweiß usw., beruhen auf körperlichen Vorgängen. Körperfehler lassen sich durch seelische Anstrengungen weitgehend wettmachen (Überkompensation). Psychische Störungen beeinträchtigen die Verfügung über körperliche Funktionen (vgl. Hysterie). Körperliche Krankheiten bleiben nicht ohne Einfluß auf die Psyche, und ihre Schwere hängt von der seelischen Verfassung ab. Wahrscheinlich gibt es überhaupt keine Krankheit, die nicht ebenso leiblich wie seelisch bedingt wäre. Unser ganzes Leben ist »psychosomatisch«.
 
     
 
 
 
     
 
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