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Medikalisierung

 
     
   
gesellschaftlicher Wandlungsprozeß in der Moderne, durch den die naturwissenschaftliche Medizin (“Schulmedizin”) ein Beinahe-Monopol bei der Deutung von Gesundheit und Krankheit und bei der ärztlichen Versorgung erworben hat. Unmittelbare Resultate der Medikalisierung waren ein Bedeutungsverlust der Religion und die Verdrängung anderer Heilpersonen, die als “Kurpfuscher” abgetan wurden. Zu den Folgen gehören auch epidemiologische Veränderungen, besonders der Rückgang von infektionsbedingten Krankheiten und die relative Zunahme chronisch-degenerativer Erkrankungen. Die Medikalisierung fand seit 1800, verstärkt aber im ausgehenden 19. Jh., unter lokal unterschiedlichen Bedingungen statt: In Frankreich wurde sie als die “Geburt der Klinik” beschrieben (Foucault, 1996), in Deutschland wurde die “medizinische Policy” eher durch Approbations- und Versorgungsverordnungen und eine gesetzliche Krankenversicherung durchgesetzt. Zugleich ist die Medikalisierung als eine “medizinische Vergesellschaftung” zu sehen, denn sie entsprach auch den Bedürfnissen vieler Patienten. Kritiker der Medikalisierung beklagen, durch sie sei Medizin zu einer “Gefahr für die Gesundheit” geworden (Illich, 1995, S. 208): Ein Monopol akademisch ausgebildeter Ärzte und die kommerziellen Interessen der Pharmaindustrie brächten stets neue, gesundheitlich sinnlose Techniken der Diagnostik und Therapie (und damit: neue Krankheiten) hervor. Zugleich würden ethische Fragen um körperliches Leiden vernachlässigt. Medizinsoziologen kritisieren die Entdemokratisierung gesundheitspolitischer Entscheidungen durch Expertengremien und den juristischen “Mißbrauch des Begriffes Leben”: “Gesundheit” diene als Argument für immer weitreichendere Eingriffe in die Privatsphäre. Daß die medikalisierte Heilkunde die Behandlung isolierter Symptome bevorzugt und dadurch erkrankte Menschen als Subjekte weitgehend aus den Augen verliert, wird heute von vielen Betroffenen empfunden: Dies erklärt die seit den 70er Jahren verstärkte Konjunktur “alternativer” Heilmethoden (Esoterik), des “Psychomarktes” und die Gegenbewegung professioneller Mediziner unter dem Schlagwort Psychosomatik. Fachärzte äußern zunehmend ihr Unbehagen über die Ausweitung medizinisch-apparativer Techniken auf immer mehr Aspekte des Daseins, z.B. innerhalb der Reproduktionsmedizin. Dennoch ist die Medikalisierung weltweit noch im Fortschreiten begriffen: Erklärtes Ziel der Weltgesundheitorganisation ist die Globalisierung klinisch-diagnostischer Leitlinien (ICD-10) und bestimmter sozialer Lebensformen im Sinne gesundheitlicher Lebensqualität. Dabei wird eine Kluft zwischen gesundheitspolitischen Ansprüchen und Möglichkeiten weiter bestehen – aufwendige Apparaturen und Arzneimittel, die sich der Westen leisten kann, sind für Menschen in armen Ländern auch in Zukunft kaum bezahlbar (z.B. medikamentöse AIDS-Therapien).

Literatur

Foucault, M. (1996). Die Geburt der Klinik. Eine Archäologie des ärztlichen Blicks. Frankfurt: Fischer.

Illich, I. (1995). Die Nemesis der Medizin. Die Kritik der Medikalisierung des Lebens (4. Aufl.). München: Beck.


 
     
 
 
 
     
 
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