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Kritische Psychologie

 
     
   
entwickelte sich aus der Wissenschaftskritik der Studentenbewegung, die im Falle der Psychologie zunächst die gesellschaftliche Funktion des Faches problematisierte. Was sich in dessen Praxis als "Befriedungsverbrechen" (Basaglia) durchsetze, zeige sich auch in der davon abgehobenen nomothetischen Grundwissenschaft, in der das auf eine Versuchsperson reduzierte Subjekt nur in seiner Abhängigkeit von Bedingungen erfaßt werden könne, nicht aber in seiner Potenz als Schöpfer und Veränderer gesellschaftlicher Bedingungen. Hinsichtlich der aus diesem Befund eines funktionalen Zusammenhangs von - kapitalistischer - Gesellschaft und - "bürgerlicher" - Psychologie zu ziehenden Konsequenzen lassen sich grob zwei unterschiedliche kritisch-psychologische Richtungen differenzieren, deren publizistische Bezugspunkte die Zeitschriften "Psychologie und Gesellschaftskritik" (P&G, seit 1977) bzw. "Störfaktor" (in Österreich; seit 1988) und "Forum Kritische Psychologie" (FKP, seit 1978) sind.

1) In der P&G, so Grubitzsch (1988), ist es nie darum gegangen, "eine bessere Psychologie zu produzieren", da dies "unter den gegebenen kapitalistischen Verhältnissen" bedeute, "den Teufel mit dem Beelzebub austreiben zu wollen". Deswegen wurde in den Arbeitsrichtungen, für die diese Zeitschrift einen Bezugspunkt darstellte, unter Verzicht auf eine "positive" psychologische Konzeption die Entwicklung von Psychologie und Psychiatrie mit wechselnden Themenschwerpunkten und unterschiedlichen theoretischen Bezugnahmen kritisch begleitet (Rexilius 1988). Im Zuge der politischen "Wende" verloren sich ab 1989 allerdings auch Gemeinsamkeit stiftende gesellschaftsheoretische Verbindlichkeiten dieser Arbeitsrichtungen, die statt marxistischer und kritisch-theoretischer "poststrukturalistische und diskursanalytische Konzepte" (Mattes, 1998) übernehmen (und so nun doch an einer "besseren Psychologie" mitwirken). Das Adjektiv "kritisch" löst sich von seiner historischen Spezifik und verweist nunmehr - wie in der Regel das angloamerikanische "critical psychology" - auf in allgemeinstem Sinne "qualitativ" orientierte Kritik an nomothetischer Psychologie.

2) In der von Holzkamp, Osterkamp und anderen entwickelten Kritischen Psychologie wurde aus den psychologiekritischen Befunden die Konsequenz gezogen, in historischer Analyse und Reinterpretation vorfindlicher psychologischer Konzepte eine kategoriale Alternative (Holzkamp 1983) zu erarbeiten. Dabei steht Kritische Psychologie in dreifachem Bezug zum Denken von Marx: in der Spezifizierung und Anwendung des logisch-historischen Verfahrens zur Fundierung psychologischer Grundbegriffe, im Bezug auf die Resultate Marxscher und marxistischer gesellschaftstheoretischer Analysen und in der Nutzung und Konkretisierung von psychologischen Bedeutungsmomenten wie "objektiven Gedankenformen".

Der in der Psychologie traditionell verkürzte oder ausgeblendete Mensch-Welt-Zusammenhang wird so begriffen, daß gesellschaftliche Bedingungen menschliches Handeln weder determinieren noch in subjektiven Sinnstiftungen sublimiert werden. Vielmehr akzentuiert das Subjekt an den objektiven Lebensumständen Bedeutungen, die zu Handlungsprämissen werden, soweit subjektive Handlungsnotwendigkeiten bestehen. Entsprechend muß die traditionelle Formulierung von psychologischen Theorien als kontingenten Bedingungs-Ereignis-Relationen in Richtung auf die Formulierung von sinnhaften Prämissen-Gründe-Zusammenhängen (die in traditionellen Theorien verborgen sind; Holzkamp, 1986) überwunden werden - mit der methodologischen Folge, daß klassische Geltungsprüfungen "pseudoempirisch" sind und kritisch-psychologische Methodik subjektwissenschaftlich zu begründen ist (Markard, 1991).

Das zentrale Begriffspaar "restriktive-verallgemeinerte Handlungsfähigkeit" trägt dem existentiellen Existenzwiderspruch Rechnung, daß die in der Ungleichheit produzierenden bürgerlichen Gesellschaft mit Anpassung erhoffte Lebensqualität strukturell brüchig ist. Die hier analytisch unverzichtbare historische Konkretheit des Mensch-Welt-Zusammenhangs erfordert mit der Entwicklung psychologischer Theorie und Praxis auch eine permanente Konkretisierung gesellschaftstheoretischer Bezüge, angesichts gesellschaftlicher Umbrüche eine Notwendigkeit, die mit dem 4. Kongreß Kritische Psychologie 1997 (Fried et al.) im Sinne marxistischer Erneuerung auf die Tagesordnung gesetzt wurde. Kritische Psychologie hängt von der Lösung dieser Aufgabe ab.

Literatur

Fried, B., Kaindl, C., Markard, M. & Wolf, G. (Hrsg.). (1998). Erkenntnis und Parteilichkeit. Kritische Psychologie als marxistische Subjektwissenschaft. Bericht über den 4. Kongreß Kritische Psychologie, 6. bis 9. Februar 1997 an der FU Berlin. Hamburg: Argument.

Holzkamp, K. (1983). Grundlegung der Psychologie. Frankfurt/M.: Campus.

Markard, M. (1991). Methodik subjektwissenschaftlicher Forschung. Jenseits des Streits und quantitative und qualitative Methoden. Hamburg: Argument.

Rexilius, G. (Hrsg.). (1988). Psychologie als Gesellschaftswissenschaft. Opladen: Westdeutscher Verlag.


 
     
 
 
 
     
 
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