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Sexualtherapie

 
     
   
Bezeichnung für alle psychotherapeutischen Maßnahmen, die sich spezifischer Interventionen bedienen, mit denen sexuelle Störungen gebessert oder beseitigt werden sollen. Die wesentlichen Prinzipien von Psychotherapie (z.B. Gestaltung und Aufrechterhaltung einer tragfähigen Arbeitsbeziehung) gelten auch für die Sexualtherapie. Spezifische Interventionen bei sexuellen Störungen sind auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse zu deren Ätiologie entstanden. So haben die amerikanischen Sexuologen Masters und Johnson ihr bis heute verbreitetes sexualtherapeutisches Programm zur Behandlung sexueller Funktionsstörungen auf der Basis intensiver Laboruntersuchungen zur sexuellen Reaktion bei Frauen und Männern konzipiert. Grundlage dieses Programms ist die Annahme, daß die Entwicklung sexueller Reaktionen einem Lernprozeß folgt, der im Falle von Störungen neu durchlaufen werden muß, verbunden mit einer kognitiven Neubewertung der damit verknüpften Empfindungen und der Verbesserung kommunikativer Fertigkeiten.

Im Zusammenhang mit der Therapie sexueller Funktionsstörungen wird allgemein davon ausgegangen, daß die Behandlung edukative, erlaubnisgebende Elemente, verhaltensorientierte und im engeren Sinne psychotherapeutische Bestandteile aufweisen sollte. Diese Grundannahme wurde in dem von Annon entwickelten PLISSIT-Modell aufgegriffen. Das Kunstwort PLISSIT steht für die Stufen der Sexualtherapie, bestehend aus Erlaubnis (Permission, P), Information und Aufklärung (Limited Information, LI), spezifische Verhaltensanleitungen (Specific Suggestions, SS) und intensiver Therapie (IT). Das PLISSIT-Modell eignet sich auch dazu, Sexualberatung (PLISS) von Sexualtherapie (PLISS+IT) abzugrenzen (PLISSIT).

Die Ausgestaltung der Sexualtherapie ist vielfältig und sicher von der theoretischen Grundorientierung der Therapeuten abhängig. In psychodynamischen Therapien (Psychoanalyse) wird primär versucht, die den Störungen zugrundeliegenden Konflikte aufzudecken und Beziehungsprobleme zu bearbeiten. In Verhaltenstherapien dagegen wird der Einsatz spezifischer verhaltensorientierter und kognitiver Interventionen im Vordergrund stehen, wie etwa Verfahren zum Abbau von Ängsten, körperorientierte Verfahren zur Selbsterfahrung, Phantasiearbeit, Training von kommunikativen, sozialen und emotionalen Kompetenzen sowie Genußfähigkeit (Strauß, 1998). Wie in anderen Bereichen auch, gibt es viele Versuche, unterschiedliche Interventionen aus psychodynamischer, systemischer, humanistischer Therapie und Verhaltenstherapie sowie entsprechende theoretische Konzepte zu kombinieren oder zu integrieren. So wurde in der BRD in den siebziger Jahren erfolgreich der Versuch unternommen, das erwähnte Therapieprogramm von Masters & Johnson mit psycho- und paardynamischen Strategien zu verbinden (Arentewicz & Schmidt, 1993). Die meisten Studien zur Effektivität der Ansätze zur Behandlung sexueller Funktionsstörungen belegen, daß in einem hohen Prozentsatz eine Symptombesserung oder -beseitigung erzielt werden kann. Weniger hohe Erfolgsraten werden für sexualtherapeutische Ansätze zur Behandlung sexueller Verhaltensabweichungen berichtet, wenngleich auch hier überzeugende – ebenfalls meist integrierte – Behandlungsansätze vorliegen, die sowohl unter ambulanten wie auch institutionellen Bedingungen (psychotherapeutische Kliniken, Haftanstalten) anwendbar sind. Im weitesten Sinne sind die psychotherapeutische Begleitung von Personen mit Geschlechtsidentitätsstörungen und die Psychotherapie sexuell traumatisierter Patient(inn)en (sexueller Mißbrauch, Psychotraumatologie) auch als Sexualtherapie zu bezeichnen, da diese häufig spezifischer Interventionstechniken bedürfen, die in unmittelbarem Zusammenhang mit dem sexuellen Erleben und Verhalten stehen.

Literatur

Arentewicz, G. & Schmidt, G. (1993). Sexuell gestörte Beziehungen Stuttgart: Enke.

Strauß, B. (1998). (Hrsg.). Psychotherapie der Sexualstörungen. Stuttgart: Thieme.


 
     
 
 
 
     
 
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