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Kleidung

 
     
   
bedeutet nicht nur einen Schutz des Körpers vor den Unbilden des Wetters oder gegen eine allzu rauhe Berührung. Nach biblischer Überlieferung legten Adam und Eva zum ersten Mal Kleidung an, als sie erkannt hatten, daß sie nackt waren. In dieser Legende offenbart sich die Beziehung der Kleidung zur Scham. Auf Gemälden, die diese erste Folge des »Sündenfalls« wiedergeben, sind nur die Geschlechtsteile bedeckt. Im Laufe der Entwicklung hat sich der Zwang zur Verhüllung zeitweise und je nach dem Kulturraum auf andere Körperregionen ausgeweitet, besonders auf das markanteste sekundäre Geschlechtsmerkmal der Frau, ihre Brüste, darüber hinaus oft auch auf ihre Beine. Im Gegenlauf kokettierte die Mode gern mit entsprechenden Enthüllungen. Manchmal wurden sie durch enganliegende oder durchscheinende Kleidung nur angedeutet. Die Entblößung des Busens konnte an die Stelle der genitalen Entblößung treten, wie etwa beim frühen Striptease. Die weibliche Kleidung wurde teilweise zu einem Spiel mit dem Gedanken an die Nacktheit. Das Maß des Erlaubten wechselte nicht nur mit der Moral und der Mode, sondern es unterschied sich auch in ein und derselben Zeit und Gesellschaft nach Stand und Gelegenheit. Die Dirne oder die Schauspielerin durfte mehr zeigen als die Dame, die Dame mehr als die Bürgersfrau. Was auf einem Ball gestattet war, hätte tagsüber auf der Straße schockiert. Noch heute würden wir eine Kleidung, wie sie beim Sport oder am Strande selbstverständlich ist, im Arbeitsalltag unanständig finden. Neben den modischen Kleidungsvorschriften für die Frau fielen die für den Mann kaum auf. Früher putzte auch er sich bunt heraus. Ein Nachklang davon hat sich weithin in der Gestaltung der Uniformen erhalten. Erst in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts setzte sich »der Herr in Grau« durch. Heute beginnen die Männer, nach der Arbeit ihren konventionellen Anzug gegen eine buntere Freizeitkleidung zu tauschen. Für sie hat eine teilweise Entblößung keine moralische Bedeutung. Bei ihnen beginnt der Exhibitionismus erst damit, daß sie Penis und Hoden sehen lassen ; alles andere an ihrer natürlichen Erscheinung gilt kaum als sexuell. Aber wie bei den Frauen verrät auch bei Männern die Kleidung viel über ihren sozialen Stand. Heute fällt das allerdings eher am Arbeitsplatz als im Privatleben auf. Die Schicht der Angestellten zeichnet sich vor den Arbeitern durch den steifen Hemdkragen (»white collar«) aus. Sehr vermindert ist bei beiden Geschlechtern die Bedeutung der Kleidung als Abzeichen der landsmannschaftlichen Herkunft, als »Tracht«. Verstärkt hat sich dagegen die Spiegelung der Altersstufe. Man hat erst relativ spät angefangen, die Kinder anders anzuziehen als die Erwachsenen. Heute hält sich die Jugend in ihrer Kleidung beinahe an eine Art Alters-Uniform. Obwohl die Mode heute im Zeichen der Massenproduktion für einen flüchtigen Trend große Gleichartigkeit bewirken kann, gestattet sie doch mancherlei Stile nebeneinander und ermöglicht es so, in der Kleidung irgendwie die soziale Einordnung und das persönliche Selbstverständnis auszudrücken. Mit reicher Kleidung beweist man seinen Wohlstand, seine Kultur eher durch erlesene Schlichtheit. Mit modischer Koketterie zeigt die Frau, daß sie begehrliche Männerblicke auf sich lenken möchte. Strenge Kleidung signalisiert Keuschheit oder Prüderie. Der geputzte Mann wirkt geckenhaft, ja geradezu feminin. Die Kleidung des »Kerls« erinnert an Sport oder Kampf. »Seriös« ist immer noch die gut zugeknöpfte Jacke mit Schlips und Kragen. So scheint die Kleidung ein erstes Urteil über den Charakter zu erlauben. Doch die Einschätzung kann täuschen, weil oft genug der Anzug gleichsam das Kostüm einer Rolle ist, wie sie gerade auf eine soziale Wirkung hin gespielt werden soll. Tatsächlich haben wir bei einem auffallenden Wechsel unserer Kleidung das Gefühl, uns in einen anderen Menschen zu verwandeln. Es würde uns schwerfallen, im Büroanzug oder im Abendkleid über den Strand zu toben, oder in Badehose und Bikini Schreibtischarbeit zu leisten. Die Kleidung erleichtert es uns, diesen oder jenen Teil unseres Wesens auszudrücken –oder auch zu vergessen. Nicht nur für die Augen der anderen gilt: »Kleider machen Leute.«
 
     
 
 
 
     
 
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