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Systemsicherheit

 
     
   
Sicherheit komplexer Systeme. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich eine neue Kategorie technischer Einrichtungen entwickelt und ausgebreitet, deren Größe und Komplexität alles in den Schatten stellen, was die Technikgeschichte bislang registrieren konnte. Hand in Hand mit der Verbreitung solcher Einrichtungen geht eine drastische Ausweitung ihres Gefahrenpotentials. Dies gilt insbesondere für solche wenig Fehler verzeihende Bereiche, wo hohe Konzentrationen von Energie oder toxischen Stoffen unter Kontrolle gehalten werden müssen, um nicht katastrophale Folgen für Umwelt, Bevölkerung und künftige Generationen zu zeitigen (Technikpsychologie). Beispiele sind hier die Kerntechnik, zivile und militärische Luft- und Raumfahrt, Installationen der chemischen Industrie, Gefahrenguttransport, schienengebundener Schnellverkehr von Gütern und Menschen, Schiffahrt, petrochemische Großanlagen. In jüngster Zeit kommen jedoch weitere Bereiche hinzu, die in ihrer Größe und Komplexität den genannten nicht nachstehen, aber aufgrund ihrer gesellschaftlichen Verflechtung und der unüberschaubaren Langfristigkeit oder Dynamik ihrer Wirkungen kein geringeres Gefahrenpotential darstellen, z.B. weltweite Informations- und Kommunikationsnetze (Y2k, strategic information warfare), komplexe Nahrungsmittelketten (BSE), medizinische Dienstleistungssysteme (HIV-verseuchte Blutkonserven), Gentechnik.

Fehlervermeidung, eine effektive Kontrolle der Produktionsprozesse und konsequente Überwachung unschädlicher Erbringung von Dienstleistungen werden hier zum Gebot. Die systematische Analyse großtechnischer Unfälle zeigt eindeutig, daß Systemzusammenbrüche nicht schlicht auf Operateurfehler oder das Versagen technischer Komponenten reduzierbar sind. Es handelt sich immer um das äußerst komplexe Zusammenspiel vieler Faktoren auf unterschiedlichsten Ebenen – der technischen Komponenten und des Designs, der Konstruktion, der Ebenen des Individuums und der Arbeitsgruppen, der Organisations- und Leitungsebene sowie des Zusammenspiels mit Faktoren und Institutionen außerhalb des betroffenen sozio-technischen Systems oder gar lang anstehender historischer Bedingungen (Mensch-Maschine-System).

Die Natur derartiger großtechnischer Systeme (unterschiedlich benannt als "high risk organizations", "high reliability organizations", "high hazard organizations") brachte international gesehen eine Ausweitung des Sicherheitsdenkens hervor, das sich von herkömmlichen Betrachtungsweisen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes abgrenzt, dem es in erster Linie um das Vermeiden von individuellen Arbeitsunfällen ging. Es geht hier um Systemsicherheit, verstanden als "die Qualität eines Systems unter vorgegebenen Bedingungen mit einem akzeptablen Minimum unvorhergesehener Verluste und nicht intendierter Schädigung für die Organisation und die Umwelt, ihre Aufgaben zu erfüllen, ohne daß es zu Zusammenbrüchen des Gesamtsystems kommt" (Fahlbruch & Wilpert, 1999). Insbesondere für die Arbeits- und Organisationspsychologie stellt sich hier eine Fülle neuer Aufgaben hinsichtlich Führung und Zielsetzung, Motivation, Organisationsdesign und Kontrolle, Einstellungen und Normen, Anreizsysteme, interorganisationale Beziehungen und Kommunikation, langfristige Kontinuität von Organisationen.

Literatur

Fahlbruch, B. & Wilpert, B. (1999). System safety – an emerging field for i/o psychology. In C. L. Cooper & I. T. Robertson (Eds.), lnternational review of industrial and organizational psychology (vol. 14, pp. 55-95). Chichester: Wiley.


 
     
 
 
 
     
 
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