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Gesicht

 
     
   
sowohl das »Antlitz« als auch die optische Sinneswahrnehmung und von daher endlich eine Vision. Das Antlitz wirkt durch Schnitt und Prägung (Physiognomie) als auffal lendster Ausdruck der Individualität. Wir sagen auch von eigentümlichen Landschaften oder menschlichen Werken, daß sie ein »Gesicht« haben. Wenn sich ein Mensch, der als ehrenwert galt, als unzuverlässig erweist, hat er »sein Gesicht verloren«. Mit Schleiern und Masken oder mit Posen sucht manch einer »sein wahres Gesicht zu verbergen«. Dennoch gibt es keine Regeln, nach denen man aus dem Gesichtsschnitt den Charakter einfach ablesen könnte. Die Wandlung eines Gesichtes im Laufe des Lebens ist ein sichtbares Beispiel für die Überlagerung einer unveränderlichen Anlage durch die Erfahrungen in der Umwelt. So werden nach einer langen Ehe auch die Gesichter der Gatten einander ähnlich. In den ständigen flüchtigen Veränderungen des Gesichtes (Mimik) können sich alle Gefühle spiegeln, und zwar von ihrem ersten Aufflackern über ihren Höhepunkt bis zu ihrem Abebben. Wir zeigen so manchmal auch jene Regungen, deren wir uns selbst nicht bewußt sind. Andererseits läßt sich die Mimik derart beherrschen, daß sie über unser wahres Empfinden hinwegtäuscht. Diese Fähigkeit gehört nicht nur zur Aufgabe des Schauspielers, sie wird auch im täglichen Leben oft erwartet, etwa als gleichmütiges Gesicht des Kartenspielers (»Pokerface«). Das Antlitz wird wesentlich durch die Augen bestimmt, die man geradezu als »Fenster der Seele« betrachtet. Ihretwegen heißt sowohl das Antlitz als auch das Sehvermögen »Gesicht«. Das Sehvermögen ist durch die kulturelle Entwicklung zum wichtigsten Sinn des Menschen geworden. Es ist ein Sinn der Ferne und gestattet uns eine weitreichende Orientierung. Mit dem Auge nehmen wir nicht nur unmittelbar verständliche Eindrücke auf, sondern auch Symbole und andere Zeichen, die wir erst deuten müssen, ehe sie uns etwas besagen. Das gilt ganz besonders für das Aufnehmen der Schrift, die mindestens seit Erfindung der Buchdruckerkunst die Möglichkeiten indirekter Erfahrung so unerhört vermehrt hat. Eine neue Bedeutung hat der Gesichtssinn in unserer Zeit durch die Fotografie, den Film, das Fernsehen, die Presse-Illustrationen gewonnen. Die Kommunikation durch das Bild scheint fast wichtiger geworden zu sein als die durch das Wort. Auch der moderne »Sex« ist vornehmlich eine Sache des Auges, eine Schaulust. Freilich war der Voyeurismus schon immer ein wichtiger Partialtrieb der Sexualität. Daß er nun ein Übergewicht bekommen hat, ist ebenso wie die übrige Flut von Bildern außer durch den technischen Fortschritt durch eine Entwicklung bedingt, die Beziehungen der Nähe entwertet und die Gefahren einer Entfremdung heraufbeschworen hat. Was wir einmal gesehen haben, beeinflußt unsere Vorstellungen viel stärker als alle anderen Sinneseindrücke. Unsere Phantasien, die Tagträume wie die Träume im Schlaf, gaukeln uns vor allem Bilder vor. Im Schlaftraum werden sogar abstrakte Gedanken und die Gefühle weitgehend in Bilder umgesetzt. Schwierige Zusammenhänge verstehen wir erst, wenn wir uns von ihnen »ein Bild gemacht haben«, sie zum Beispiel in einer Art Schema-Zeichnung vor uns sehen. Manches, was nur in unseren Gedanken existiert, wird uns so deutlich, als stünde es vor uns. Von da ist es nicht weit bis zu den »Gesichten«, den Visionen und Halluzinationen, wie sie in ekstatischen Zuständen oder einem künstlichen Rausch vorkommen. Als »Zweites Gesicht« bezeichnet man die Fähigkeit, Zukünftiges zu »erschauen«, die heute von der Parapsychologie wissenschaftlich untersucht wird.
 
     
 
 
 
     
 
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