A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
 
 

 

 

 

 

sexueller Mißbrauch in der Psychotherapie

 
     
   
lange Zeit tabuisierte sexuelle Übergriffe in allen psychosozialen Vertrauensverhältnissen (ambulante Psychotherapie, Psychiatrie, Psychoanalyse, psychosoziale Beratung, Seelsorge), bei denen zumeist der Täter männlich und das Opfer weiblich ist und die Initiative zum sexuellen Kontakt vom Therapeuten ausgeht. a) Epidemiologie: Etwa jeder zweite Psychotherapeut hat mindestens einmal Patienten in der Psychotherapie, die von einem Kollegen mißbraucht worden sind. In Übereinstimmung mit internationalen Forschungsergebnissen ist davon auszugehen, daß jeder zehnte Psychotherapeut im Laufe seines Berufslebens mindestens einmal sexuelle Beziehungen zu einer Klientin aufnimmt – neben dem individuellen Leid der Betroffenen auch eine Bedrohung der gesamten Profession von Psychotherapeuten und professionellen psychosozialen Helfern. b) Täter: Zu 90 % sind die Täter männliche Therapeuten. In der Psychoanalyse liegen seit S. Freuds Aufsatz aus dem Jahre 1914 “Bemerkungen zur Übertragungsliebe” Techniken für den Umgang mit erotischer Übertragung vor (Abstinenzregel, Abstinenz). Die Verfolgung von Tätertherapeuten ist schwierig: Psychotherapeuten, die von (ihnen oft bekannten) Kollegen mißbrauchte Patienten selbst behandeln oder in diagnostischen Vorgesprächen mit ihnen in Kontakt kommen, kommen als “Folgetherapeuten” in eine schwierige Loyalitätssituation mit der häufigen Konsequenz, durch Bagatellisierung des Geschehens ihr Nichtstun und Nichteingreifen vor sich selbst zu rechtfertigen. Die mißbrauchenden Therapeuten greifen v.a. zu fünf Rechtfertigungsstrategien, um den Mißbrauch zu legitimieren: der Übergriff als “Schicksal”, als “therapeutische Maßnahme”, Schuldzuweisung an die Patientin, Leugnung des Vorfalls und Beteuerung von Liebe und emotionaler Authentitizität. c) Opfer und Folgeschäden: Zu 90 % sind die Opfer Frauen. Die verbreitetsten Schädigungen durch den tiefen Vertrauensbruch des Therapeuten sind tiefes Mißtrauen sowohl gegenüber anderen Menschen als auch gegenüber eigenen Wahrnehmungen und Gefühlen. Ein erster Versuch, das Vertrauen in sich und in die Welt zu retten, besteht darin, an der Vorstellung festzuhalten, zwischen ihnen sei etwas “ganz Besonderes” – “wahre Liebe” – gewesen – und damit kein Vertrauensbruch, kein unmoralisches Verhalten, keine Ausbeutung, keine Degradierung zur Prostituierten. Im Rahmen dieses Selbstrettungsversuchs unterstellen sich die Patientinnen sexuelle Wunschphantasien, die durch dementsprechende Äußerungen der mißbrauchenden Therapeuten gefördert und gefestigt werden. Sexuelle Funktionsstörungen, deretwegen etwa 20% der von Therapeuten mißbrauchten Frauen die Therapie aufgesucht haben, werden verstärkt. Besonders beunruhigend ist der Anstieg an Suizidalität (Suizid; sexueller Mißbrauch, Therapie).

Literatur

Becker-Fischer, M. & Fischer, G. (1996). Sexueller Mißbrauch in der Psychotherapie – was tun? Orientierungshilfen für Therapeuten und interessierte Patienten. Heidelberg: Asanger.


 
     
 
 
 
     
 
<< vorhergehender Begriff
nächster Begriff >>
sexueller Mißbrauch Diagnostik
sexueller Mißbrauch Therapie
 
     
     
 

 

 
     

 

   
  Weitere Begriffe : Actualizing Therapy | Ödipus | Taucherpsychologie
PSYCHOLOGY48 | ÜBERBLICK | THEMEN | DAS PROJEKT | SUCHE | RECHTLICHE HINWEISE | IMPRESSUM
Copyright © 2017 All rights reserved. Psychologielexikon